Sport : Kleine Staaten ganz groß

Immer mehr gute Leichtathleten kommen aus exotischen Ländern – auf dem Papier

Frank Bachner

Susanthika Jayasinghe hat im Juli einen neuen Vertrag unterschrieben. 30 000 Dollar zahlt ihr ein deutscher Elektronikkonzern mit Niederlassung in Sri Lanka bis zu den Olympischen Spielen 2004. Viel Geld ist das im armen Sri Lanka. Aber die 27-Jährige soll ja auch eine Medaille gewinnen. Wie bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1997 und bei den Olympischen Spielen 2000. 1997 rannte sie über 200 m zu Silber, drei Jahre später über die gleiche Distanz zu Bronze.

Sie ist seit Jahren ein Star in Sri Lanka, für die Medaillen bekam sie ein Luxusappartement in Colombo, der Hauptstadt, dazu ein Auto und Geld. 500 Dollar überweist ihr der Sportminister und der Verband jeden Monat. Selbstverständlich verdient kein anderer Leichtathlet in Sri Lanka so viel. 400 Talente und Spitzenleute haben sie dort jetzt in einem Pool zusammengefasst. Sie werden gefördert, erhalten zwischen fünf und 100 Dollar Taschengeld im Monat, und bei den Asienspielen räumen Leichtathleten aus Sri Lanka Medaillen ab. Bei der WM in Paris hatte sich Susanthika Jayasinghe eigentlich auch einiges versprochen. Aber im 100-m-Zwischenlauf verletzte sie sich und konnte über 200 m nicht mehr starten. Am Rande der Bahn musste Sunil Goongwardene die Sprinterin trösten. Er ist der Cheftrainer des WM-Teams von Sri Lanka.

Dass Sri Lanka in der Leichtathletik jetzt Medaillenkandidaten hat, dass diese Sportart Fußball in der Beliebtheitsskala als Nummer zwei abgelöst hat, das hat viel mit Jayasinghe und dem Cheftrainer zu tun. Aber noch mehr mit Hans-Peter Thumm, einem Leichtathletik-Trainer aus Stuttgart. Denn Thumm hat in Sri Lanka Goongwardene ausgebildet. Der Weltverband IAAF fördert diese weltweite Trainerausbildung mit rund zehn Millionen Dollar im Jahr. Die IAAF hält in regionalen Zentren, verteilt auf der ganzen Welt, Trainerschulungen ab. Betreuer aus Ländern der jeweiligen Region werden auf Kosten der IAAF eingeflogen und von Spitzenleuten geschult. Die Ausbildung ist weltweit gut organisiert. „Die Leute werden zu Übungsleiter oder zu Trainer mit A- und B-Lizenz ausgebildet“, sagt Frank Hensel, der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV).

Für zwölf Trainer aus aller Welt ist aber Mainz ein Jahr lang Station. Der deutsche Verband schult jedes Jahr ein Dutzend Betreuer in seiner Trainerauslandsschule. In diesem Jahr kommen die erwachsenen Schüler unter anderem aus Nepal, Brasilien, Indonesien oder Indien. Der Trainer der indischen Diskuswerferin Jaswant Singh Neelam, die in Paris im Finale auf Platz zwölf landete, wurde in Mainz ausgebildet.

Oft genug kommen die Athleten aus exotischen Ländern aber auch zu den Spitzentrainern. Viele Athleten studieren zum Beispiel in den USA. Sie tragen dann höchstens noch die Trikots ihrer nationalen Verbände. Der Hürdenläufer Jackson Quinonez aus Ecuador lebt in den USA, die Sprinterin Chandra Sturrup von den Bahamas, WM-Vierte über 100 m, ebenso. Ato Boldon startet für Trinidad-Tobago, aber er lebt in Los Angeles. Manchmal werden kleinere Verbände allerdings auch nur als Fassade benutzt. Der Hürdenläufer Dudley Dorival sprintete in Paris für Haiti, studiert aber in den USA. Er besitzt sowohl den Pass von Haiti als auch den der USA. Das ist praktisch. Weil er in den USA an den starken Konkurrenten nicht vorbei kommt, qualifiziert er sich seit einiger Zeit bei den Ausscheidungen von Haiti für Top-Ereignisse wie die WM.

Auch Susanthika Jayasinghe trainierte ja 1998 und 1999 in den USA. Dann kam sie zurück nach Sri Lanka, trainierte aber weiter unter der Regie eines US-Trainers. Der faxte ihr Trainingspläne nach Sri Lanka. Auf ihrer Insel aber ist sie eine Heldin, egal, wo sie lebt. Deshalb ist auch der kleine Zwischenfall von 1998 vergessen. Da fiel sie mit einer positiven Dopingprobe auf, wurde jedoch von ihrem Heimatverband freigesprochen. Begründung: Sie sei Opfer einer westlichen Verschwörung.

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