Sport : Kleine Stadt, große Fragen

Nach Leipzigs Scheitern wächst die Kritik am NOK und den deutschen Vertretern im IOC

Robert Ide[Lausanne],Friedhard Teuffel[Leipzi]

Als die Fragen immer mehr wurden, griff Klaus Steinbach in seinen Aktenkoffer. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) holte den Prüfbericht über die neun Bewerberstädte für Olympia 2012 hervor, der Leipzig als Kandidaten disqualifiziert hatte, und wies auf zwei für ihn bestehende Widersprüche hin: „Warum sagt das Internationale Olympische Komitee, Leipzigs Infrastruktur sei ungenügend, traut uns aber den Transport zu? Und warum wird unser Finanzkonzept so hoch bewertet, aber die Durchführbarkeit unseres Beherbergungskonzepts in Frage gestellt?“

Das sind nur zwei Probleme, die den Aufsichtsrat der Leipziger Olympiabewerbung nach dem technischen K.o. beschäftigen. Die Aufarbeitung hat begonnen. Sie wird sich auch mit der nationalen Evaluierung der fünf deutschen Bewerber beschäftigen. Im Prüfbericht des NOK hatte Leipzig gute Noten bekommen, auch in der Hotelfrage. „Der Evaluierungsbericht des NOK muss kritisch unter die Lupe genommen werden“, forderte Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes. Dieter Graf Landsberg-Velen, der die Evaluierung geleitet hatte, wies die Kritik zurück: „Unser Bericht war korrekt. Nicht beim NOK, sondern beim IOC ist gemauschelt worden.“ Wenn Präsident Jacques Rogge zuerst das Beherbergungskonzept lobe, könne es das IOC nicht später verwerfen.

Im IOC-Prüfbericht heißt es über Leipzigs Infrastruktur: „Das Transportsystem verfügt nicht über die ausreichende Kapazität für Olympische Spiele.“ Die Idee, Altbauwohnungen vorübergehend in Hotels umzuwandeln, wird angezweifelt, zumal es „in einer Stadt dieser Größe schwer sein dürfte, die neuen Räume nach den Spielen zu vermieten“.

Leipzig ist wohl zu klein für Olympia. IOC-Direktor Gilbert Felli sagte nach der Entscheidung: „Eine Stadt, die Sommerspiele ausrichten will, muss nach unseren Erhebungen mindestens 1,5 bis zwei Millionen Einwohner haben.“ Rogge schwächte diese Aussage zwar etwas ab: „Ich bleibe dabei, dass auch eine Stadt wie Leipzig olympischer Gastgeber sein kann.“ Aber er fand Leipzigs Bewerbung in vielen Bereichen „zu hypothetisch“.

Die deutsche Sportpolitik hat nun zwei Fragen zu beantworten. Erstens: Hätte man nicht vorher wissen können, dass im IOC wichtige Personen einer kleinen Stadt die Spiele nicht zutrauen? Zweitens: Hätte Deutschland mit einem anderen Kandidaten antreten müssen? „Wenn eine Million Einwohner Bedingung sind, wäre es schön gewesen, wenn uns das jemand gesagt hätte“, erklärte Peter Zühlsdorff, Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft. Für ihn ist die Entscheidung gegen Leipzig ein Signal, „dass die Spiele für das IOC in Megastädte gehören“.

Führende Sportfunktionäre stellen hinter vorgehaltener Hand die Frage, warum die drei deutschen Vertreter im IOC, unter ihnen Vizepräsident Thomas Bach, nicht auf die Kriterien hingewiesen haben. Und warum es ihnen nicht gelungen ist, für das Beherbergungskonzept zu werben. Zumal Steinbach sagte: „Wir fühlen uns nicht getäuscht oder betrogen, sondern nicht verstanden.“

Außerhalb des Sports hat bereits eine Debatte über einen Anlauf für 2016 eingesetzt. Während Berlins Senat sich zurückhielt, preschten in Hamburg CDU, Grüne und Handelskammer vor. Bürgermeister Ole von Beust blieb jedoch vorsichtig: „Fragen nach einer erneuten Bewerbung sind jetzt kein Thema. Wir müssen erst abwarten, wer den Zuschlag für 2012 bekommt.“ Im Juli 2005 entscheidet darüber das IOC. Paris, Madrid, London, Moskau und New York stehen zur Wahl. Nur wenn die Spiele wider Erwarten nach Amerika gehen, würde eine europäische Bewerbung Chancen haben. Steinbach sieht deshalb keinen Handlungsbedarf: „Um Olympia kann sich nur das NOK bewerben, nicht eine Stadt.“

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