Sport : Kleine Ziele, großer Plan

Chinas Leichtathleten haben noch Reserven

Friedhard Teuffel

Helsinki - Es musste schon ein Olympiasieger und Weltrekordhalter kommen, um auf China aufmerksam zu machen. Liu Xiang gewann die Silbermedaille über 110 Meter Hürden, mit nur einer Hunderstelsekunde Rückstand auf den Sieger Ladji Doucoré aus Frankreich. Das Ergebnis war im Grunde keine Überraschung. Bemerkenswert war nur dies: Am drittletzten Tag war es die erste Medaille für China bei diesen Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Helsinki.

Die Chinesen sollten in Helsinki eigentlich zu den großen Leichtathletik-Nationen aufschließen. Bis zu den Olympischen Spielen in Peking sind es schließlich nur noch drei Jahre. Weil die Chinesen ihr Abschneiden dort planmäßig vorbereiten, waren für diese WM schon einige Hinweise auf den kommenden Erfolg erwartet worden. Der einzige war jedoch der bekannte Liu Xiang. Der sagte nach seinem zweiten Platz: „Ich glaube, dass die Mannschaft gut abgeschnitten hat. Alle haben ihr Bestes gegeben.“

Ein solcher Tonfall passt gut zu dem, was Helmut Digel über die chinesischen Leichtathleten denkt. Er ist Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes und kümmert sich um die weltweite Vermarktung der Sportart. „Die Chinesen geben vor, wie lernende Schüler zu sein und kleine Ziele zu haben. Aber in Wirklichkeit haben sie einen großen Plan.“

Gewundert hat sich Digel dennoch, dass die Chinesen in Helsinki bislang nicht besser abgeschnitten haben. Zwar hatten viele Starter die Endkämpfe erreicht, nach den Medaillen griffen sie aber nicht. Als Ursache vermutet der Tübinger Sportsoziologe die „doppelte Periodisierung“ der Athleten. Im Herbst stehen noch die chinesischen Spiele auf dem Plan. Für viele Athleten scheine diese Veranstaltung mindestens so wichtig zu sein wie die Weltmeisterschaft. „Da geht es um den Erfolg für die Provinzen und um die Verteilung von Fördermitteln“, sagt Digel.

Für 2008 erwartet Digel allerdings, dass die Chinesen im eigenen Land zu den erfolgreichsten Leichtathletik-Nationen gehören. „Sie könnten hinter Russland und den USA auf Platz drei kommen“, sagt er. Schließlich gebe es kein Sportsystem, das so entschieden wissenschaftlich gesteuert werde wie das chinesische.

Auch das Wissen von Trainern aus Deutschland haben sich die Chinesen schon gesichert. Im Kanurennsport haben sie den deutschen Chef-Bundestrainer Josef Capousek abgeworben. Und beinahe hätten sie auch den erfolgreichsten deutschen Leichtathletiktrainer gewonnen: Dieter Kollark. Doch dann entschied sich seine beste Athletin Franka Dietzsch, auch mit 37 Jahren ihre Karriere fortzusetzen. Am Donnerstag wurde sie Weltmeisterin im Diskuswerfen. „Wenn Franka aufgehört hätte, dann wäre ich vielleicht nach China ausgewandert“, sagt Kollark.

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