Sport : Kleiner Junge in der Matrosenkneipe

Tour-Direktor Prudhomme will kein Doping mehr – und mehr Macht für sich

Sebastian Moll[Brest]

Es wirkt immer ein wenig komisch, wenn Christian Prudhomme versucht, martialisch aufzutreten. So wie im vergangenen Jahr, als er wutschnaubend den etwa 200 versammelten Tour-de-France-Reportern berichtete, dass er gerade das Skandalteam Astana nach Hause geschickt habe. Von nichts und niemandem, donnerte er vom Podium herab, werde er sich seine Veranstaltung kaputt machen lassen, und er werde sie bis aufs Messer gegen die Doper und Betrüger verteidigen.

Der 47 Jahre alte gelernte Sportjournalist, der seit zwei Jahren dem größten Radrennen der Welt vorsteht, wirkt bisweilen wie ein kleiner Junge, der sich in eine Matrosenkneipe verirrt hat. Prudhomme ist tatsächlich ein Außenseiter in diesem Geschäft. Er ist nie selbst Rennen gefahren, er hat nicht die Initiationsriten durchlaufen, die man vorweisen muss, um zur Familie zu gehören. Prudhomme ist Akademiker und professioneller Sportmanager. Wenn er von seiner Tour de France spricht, dann tut er das niemals lakonisch, wie einer, der sie schon zehn Mal gefahren ist und den nichts mehr aus der Fassung bringt. Eines seiner Lieblingsthemen ist die Romantik der Tour, von der er stundenlang schwärmen kann.

Als Prudhomme vor zwei Jahren die Nachfolge des langjährigen Tour-Chefs Jean Marie Leblanc antrat, gab seine Stellung als Außenseiter vielen Anlass zur Hoffnung. Er würde vielleicht die Kraft haben, den verfilzten Sport aufzuräumen. Prudhomme scheint diesen Erwartungen gerecht zu werden. Zumindest scheut er sich nicht davor, alte Loyalitäten und ungeschriebene Stillhalteabkommen zu missachten. So legte er sich massiv mit dem Radsportverband UCI an, um selbst bestimmen zu können, wer bei der Tour mitfährt und wer nicht.

Prudhommes Gegner, wie etwa Weltverbandspräsident Pat McQuaid, bezweifeln allerdings, dass es dem guten Pfadfinder aus Paris wirklich nur um ehrlichen Sport und um die Rettung der Tour-Romantik geht. Bei der UCI glaubt man vielmehr, dass Prudhomme die Dopingkrise dazu nutzen will, die Macht seiner Amaury Sports Organisation (ASO) auszuweiten. Die ASO veranstaltet noch andere einträgliche Radrennen, wie etwa die Klassiker Paris-Roubaix, Paris-Nizza und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Wenn sich die ASO von der Verbandsregulierung befreien könnte, würden sich ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten auftun. Eine autonome kommerzielle Radsportorganisation könnte, mit der ungebrochenen wirtschaftlichen Macht der Tour im Rücken, den kompletten Sport an sich reißen, ihn mediengerecht durchstylen und für Sponsoren ein hochwertiges neues Paket nach Vorbild etwa der Formel 1 schnüren.

Die gleichen Pläne unterstellt Prudhomme allerdings auch der UCI. Die habe im vergangenen Jahr strategisch die Dopingfälle Sinkewitz und Rasmussen in die Tour platzen lassen, um sie zu entwerten und den Weg für eine Übernahme der attraktivsten Radveranstaltung der Welt zu ebnen. Einen wahren Kern haben vermutlich die Theorien beider Seiten – beide suchen die Macht über den krisengeschüttelten, aber noch immer geldwerten Radsport.

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