Klettern : Der Monte Balkon ruft

Kletteranlagen wie die in Hohenschönhausen, Marzahn oder Reinickendorf haben dem Alpin Club einen Mitgliederanstieg beschert. Auch beim Tag des Berliner Sports geht es nach oben.

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Man braucht vor allem Vertrauen. Vertrauen in das Seil. „Sich einfach fallen zu lassen über einem Abgrund“, sagt Arnold Behr, „das ist die Herausforderung.“ Als Vorsitzender des Alpin Clubs Berlin hat er das schon unzählige Male getan. Dass Behr in den vergangenen Jahren kaum mehr zum Bergsteigen gekommen ist, liegt daran, dass er „sein Leben dem Verein gewidmet hat“, wie er selbst sagt. Doch was macht ein Alpin Club eigentlich in einer Großstadt wie Berlin, in der der große Müggelberg mit 115 Metern als höchste Erhebung für die wenigsten eine Herausforderung darstellt?

Arnold Behr muss lachen. Natürlich ist diese Frage nicht neu für ihn. Der 62-Jährige hat beinahe sein gesamtes Leben damit zugebracht, die Arbeit seines Vereins zu erklären. Er hat kurz geschorene Haare, einen grauen Bart und freundliche Augen. Er redet gern. „Zum Beispiel bauen wir am Olympiastadion am Samstag vor dem Istaf einen mobilen Kletterturm auf“, sagt er. Am Tag des Sports wird dort Kindern und Jugendlichen ein buntes Programm geboten (siehe Kasten). Der Kletterturm des Alpin Clubs ist sechs Meter hoch. Kinder ab zehn Jahren, aber auch Erwachsene können daran kostenlos ausprobieren, wie es ist, „sich fallen zu lassen“, sagt Behr. Der Vorsitzende liebt solche Tage, an denen er seine Begeisterung für den Bergsport weitergeben kann. Und Bergsport, das heißt heute eben nicht mehr nur Wandern und Bergsteigen, sondern vor allem Sportklettern – und das geht ganz wunderbar in einer Großstadt wie Berlin.

„Das Sportklettern hat viele junge Leute in die Vereine getrieben“, sagt Behr und erklärt gleich den Unterschied: „Beim klassischen Bergsteigen ist das Ziel der Gipfel. Den Sportkletterer aber interessiert der Gipfel nicht“, sagt er. „Im Gegenteil: Da ist es kalt, da kriegt man vielleicht sogar nasse Füße.“ Der Reiz beim Sportklettern ist das Beherrschen bestimmter Schwierigkeitsgrade. Es geht darum, immer weiter zu kommen, bestimmte Routen zu schaffen. „Schön im Warmen“, sagt Behr lachend. Man merkt dem Vorsitzenden schnell an, dass sein Metier ein anderes ist: Er will auf den Gipfel.

Das gilt auch für seinen Verein, den er in den vergangenen 15 Jahren weit vorangebracht hat. 500 Mitglieder hatte der Alpin Club, als Behr 1995 den Vorsitz übernahm. In diesen Tagen feiern die Charlottenburger Mitglied Nummer 3000. „Wir haben viel riskiert und Kletteranlagen gebaut. In Hohenschönhausen, Marzahn, im Mauerpark und zuletzt in Reinickendorf“, sagt Behr. In der Ribnitzer Straße in Hohenschönhausen errichteten sie zum Beispiel einen sechsseitigen Kletterturm, 15 Meter hoch mit zehn mal zehn Metern Grundfläche. Das ergibt rund 400 Quadratmeter Kletterfläche, die für Mitglieder frei nutzbar ist. Sie nennen ihn den „Monte Balkon“, weil der Turm aus alten Balkonplatten ehemaliger Plattenbauten gezimmert wurde. Das zieht viele junge Menschen auch aus dem Ostteil der Stadt an.

Doch auch für das klassische Bergsteigen wird wieder beliebter. „Vor allem das Hüttenwandern wird bei jungen Leuten immer populärer“, sagt Behr und fügt schmunzelnd hinzu: „Deswegen heißt es jetzt Hüttentrecking.“ Auch deswegen sei eine verstaubte Alpenverein-Romantik aus den meisten dieser Hütten verschwunden, „das sind jetzt fast alles kleine Hotels“.

Wer sich auf eine solche Hüttentour wie den Fernwanderweg von München nach Venedig begibt, kann sich einer der Sektionen des Deutschen Alpenvereins anschließen. Vier davon gibt es in Berlin, der Alpin Club ist der zweitgrößte. Alle Sektionen bieten Vergünstigung in den Hütten und vor allem Versicherung an, das heißt Haft- und Unfallversicherung auf dem Berg. „Im Bergsport passieren inzwischen 90 Prozent der Bergungen mit dem Hubschrauber“, erklärt Behr. „Und eine Hubschrauberminute kostet etwa 100 Euro.“ Mit Suche und Abtransport kommen da schnell 3000 bis 5000 Euro zusammen. Alle Sektionen des Deutschen Alpenvereins bieten die Versicherung standardmäßig an. Wer also alle paar Jahre eine größere Wanderung plant, der kann sich auch einfach im Internet anmelden.

Viele aber wollen mehr: ein klassisches Vereinsleben zum Beispiel, wie es noch in der Spielhagenstraße in Charlottenburg gibt, wo der Alpin Club seinen Sitz hat. Oder eine richtige Ausbildung. „Wenn ich am Berg bin, dann hinterlasse ich keine Spuren", sagt Arnold Behr. Um das richtige Bergsteigen zu lernen, werden regelmäßig Touren organisiert, nach Österreich oder Italien. Und natürlich gibt es auch in Berlin Kurse an den verschiedenen Kletterwänden oder in Sporthallen. Eine Gruppe aktiver Senioren organisiert zudem Wanderungen im Berliner Umland.

Auch Arnold Behr muss inzwischen etwas kürzer treten. Sein Engagement für den Verein, sagt er, habe ihn fast die Gesundheit gekostet. Er hat schließlich noch einen richtigen Job im Öffentlichen Dienst neben dem zeitaufwändigen Ehrenamt. Irgendwann ging es nicht mehr, der Verein hat nun einen festangestellten Mitarbeiter und Behr kann auch selbst mal wieder auf den Berg. Was er in den vergangenen Jahren aus dem Verein gemacht hat, erfüllt ihn mit Stolz. "Ich habe meinen Baum gepflanzt", sagt er.

In diesem Jahr wird der Alpin Club 100 Jahre alt. Am 18. September wird es eine große Feier geben. Wer dann ein wenig Mut mitbringt, kann sich noch tiefer abseilen. Nämlich vom Turm des Rathauses Charlottenburg.

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