Sport : Klinsmann entdeckt sich selbst

Für das Länderspiel in der Slowakei hat der Bundestrainer wieder viele junge Spieler nominiert – wie zu Beginn seiner Amtszeit

Stefan Hermanns

Berlin - Im Trainingsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft traf die jugendliche Unbekümmertheit gestern nahezu ungebremst auf die geballte Erfahrung. In Zahlen ausgedrückt: null Länderspiele auf siebzig, und noch einmal behauptete sich in diesem Wettkampf die Erfahrung. Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, hatte für die Trainingseinheit noch einmal seine Sportklamotten angezogen, er wurde vom 19 Jahre alten Mönchengladbacher Marcell Jansen attackiert, und doch schaffte er es, den Ball zu seinem Mitspieler weiterzuleiten.

Dass Bierhoff bei der Nationalmannschaft mittrainiert, kommt gelegentlich vor. Eine Rückkehr auf den Fußballplatz wird es trotzdem nicht geben. Man muss das noch einmal so deutlich sagen, weil zuletzt in Deutschland ein geradezu antizyklisches Verlangen nach richtig erwachsenen Fußballern vernommen worden sein soll. Ja – der Confed-Cup mit den vielen jungen Spielern hat echt Spaß gemacht. Aber – wenn erst Wörns und/oder Hamann wieder dabei sind, dann werden wir noch viiiiiel besser sein. Wie das Länderspiel in Holland vor zwei Wochen dann ja eindrucksvoll bewiesen hat.

Es ist bezeichnend, dass nun niemand die Retrowelle verantworten will. In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ hat Oliver Bierhoff gesagt: „Die Rolle rückwärts haben für mich die Medien gemacht. Sie haben doch beim Confed-Cup die zu junge Abwehr kritisiert und verlangt, da müsse ein erfahrener Spieler wie Christian Wörns helfen.“ Wörns gehört auch für die Länderspiele gegen die Slowakei am Samstag (20.30 Uhr, live im ZDF) und Südafrika am Mittwoch zum deutschen Aufgebot. Dietmar Hamann wurde nicht nominiert.

Es ist noch nicht abschließend geklärt, wie Klinsmann einmal in die Geschichte eingehen wird. Bisher galt er als radikaler Erneuerer, der viele junge Kräfte entdeckt und gefördert hat; beim ersten Zweifel allerdings, gegen die starken Holländer, traute er seinem eigenen Nachwuchs nicht und holte sich geballte Erfahrung ins Team. Es ist eine ironische Note, dass Klinsmann seinen jungen Spielern damit vermutlich eine demoralisierende Erfahrung erspart hat.

Vor dem Länderspiel in der Slowakei scheint der Bundestrainer auf den rechten Weg zurückgefunden zu haben. Nur zwei der achtzehn nominierten Feldspieler sind älter als 30 (Bernd Schneider und Christian Wörns), fünf könnten sogar noch für die U-21-Nationalmannschaft zum Einsatz kommen, darunter die Neulinge Marcell Jansen und Lukas Sinkiewicz. „Beide haben verdient, dass sie dabei sind“, sagt Klinsmann, der sich dem latenten Vorwurf ausgesetzt sieht, dass er Jugend für wichtiger erachte als Qualität.

Neun Debütanten hat Klinsmann in seiner Amtszeit in die Nationalmannschaft geholt, doch mit dieser Ziffer allein lässt sich der Verjüngungsprozess nicht ausreichend belegen. Entscheidend ist auch, welche Rolle die jungen Leute in den Planungen des Bundestrainers spielen. Per Mertesacker gilt inzwischen als unentbehrlich in der deutschen Abwehr, Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger sind erst unter Klinsmann zu Stammspielern geworden. Sein Vorgänger Rudi Völler hat sie vor einem Jahr nur widerwillig und erst nach massiver Parteinahme der Öffentlichkeit zur Europameisterschaft nach Portugal mitgenommen.

„Die jungen Spieler sollen sich stark positionieren“, sagt Klinsmann. „Auch der Konkurrenzkampf wird angeheizt.“ An die 40 Kandidaten umfasst der Kreis der potenziellen WM-Teilnehmer inzwischen, nur 23 von ihnen werden im nächsten Sommer dem Kader angehören. Bis dahin sollen sich die Spieler in einem virtuellen Wettbewerb mit ihren teaminternen Konkurrenten messen. Klinsmann erhofft sich dadurch eine Steigerung der individuellen Qualität. Die erfreuliche Entwicklung von Patrick Owomoyela in Bremen zeigt, dass diese Idee durchaus funktionieren kann.

Die Personalauswahl des Bundestrainers folgt dem Prinzip Trial and Error. Klinsmann versucht viel und nimmt zwangsläufig in Kauf, dass nicht jeder neue Nationalspieler den hohen Erwartungen dauerhaft gewachsen ist. Frank Fahrenhorst zum Beispiel, vor einem Jahr beim Spiel in Österreich erster Debütant unter Klinsmann, ist selbst bei seinem Verein Werder Bremen kein Stammspieler mehr. Dass er die frühe Berufung in die Nationalmannschaft nicht verkraftet hat, kann man allerdings nicht behaupten. Fahrenhorst war bei seinem Länderspieldebüt 26.

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