Sport : Klinsmann lässt sie wieder an den Ball

Stefan Hermanns

Genf - Man hat es ja immer schon geahnt, dass die Verwandlung der deutschen Fußballer in filigrane Techniker nicht ganz so flink vonstatten gehen würde. Schnell soll die Mannschaft spielen, aggressiv und mit hoher Intensität, aber das ist leichter verkündet als umgesetzt. Joachim Löw, der Assistent von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, hat gestern beim Training noch einmal vorgeführt, wie es gehen soll: Ballan- und -mitnahme als fließende Bewegung, kein Kontakt zu viel. Doch ausgerechnet bei seiner kleinen Darbietung stolperte Löw über den Ball. Der Deutsche ist eben immer noch kein Brasilianer.

Auch wenn Joachim Löw seine Karriere als Fußballprofi bereits vor mehr als zehn Jahren beendet hat – sein kleines Missgeschick offenbart den ganzen Ehrgeiz von Klinsmanns Projekt, innerhalb von nur zwei Jahren aus Rumpelfüßlern ein ansehnlich spielendes Ensemble zu formen. 17 Tage bleiben dem Bundestrainer noch bis zum Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft gegen Costa Rica, und nach ihrem Regenerationstrainingslager auf Sardinien hat die Nationalmannschaft nun in Genf mit der fachspezifischen Vorbereitung auf das Turnier begonnen.

„Es entspricht der deutschen Mentalität, dass so gespielt wird, wie man trainiert“, sagt Klinsmann. Entsprechend hat der Bundestrainer alle relevanten Inhalte in zehn Tage Genf gepackt: Kraft und Kondition, Technik und Taktik, Spielsystem und Standardsituationen. „Die Trainingseinheiten werden jetzt mit höchster Intensität gefahren“, hat der Bundestrainer verfügt. Dabei hat das Programm in Genf auch seine Vorzüge im Vergleich zum vermeintlichen Erholungsaufenthalt am Mittelmeer. Die Mannschaft darf jetzt wieder intensiv mit dem Ball arbeiten, was ihr auf Sardinien noch vorenthalten wurde. „Es sollte eine gewisse Vorfreude entstehen“, sagt Klinsmann. Auch diesen psychologischen Kniff hat er sich offenbar bei Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters abgeschaut, der seinen Spielern kurz vor großen Turnieren ein striktes Schlägerverbot erteilt.

Die Fußballer werden sich in Genf rasch wieder an ihre eigentliche Tätigkeit gewöhnen. Zweimal täglich lässt Klinsmann trainieren, heute Nachmittag bestreitet die Nationalmannschaft anstelle der zweiten Einheit ein Freundschaftsspiel gegen Servette Genf, am Donnerstag spielt sie dann gegen die A-Jugend des Klubs. „Es geht darum, ein bisschen die Form zu finden, sich einzuspielen, ein paar Automatismen einzuüben“, sagt Löw. Diesem Zweck dienen auch die drei Länderspiele bis zum WM-Beginn. Die Begegnung mit Luxemburg am Samstag will Klinsmann „wie eine Trainingseinheit auffassen: Wir werden mittags hinfliegen, den Kick machen und direkt nach dem Spiel nach Genf zurückfliegen.“ Dass die Spieler schwere Beine haben könnten, „nehmen wir in Kauf“. Ein nicht standesgemäßes Ergebnis und das darauf einsetzende Wehklagen der Öffentlichkeit ebenso.

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