Sport : Klinsmann und das Charisma des Glücklosen

MICHAEL ROSENTRITT

Plötzlich will jeder längst gewußt haben, daß der deutsche Kapitän noch nie kicken konnteVON MICHAEL ROSENTRITT BERLIN.Klinsmann wäre nicht Klinsmann, wenn er nicht auch im Umgang mit Kritik eine gewisse Eigentümlichkeit an den Tag legen würde.Eine Eigentümlichkeit, wie er sie sich in Sachen Ballbehandlung, im Aushandeln neuer Verträge und im Umgang mit den Medien seit jeher leistet.Doch genau diese Eigentümlichkeiten sind es, die ihn einst, zu torreichen Zeiten, zur Persönlichkeit reifen ließen, sein Anderssein ausmachten, die ihm Charisma verliehen, die ihm nun aber im Zusammentreffen mit seinem 694minütigen Nichttreffen in der Nationalmannschaft auf seine glücklosen Füße fallen.Klinsmann mußte 33 Jahre alt, Welt- und Europameister, Europapokalsieger und Meister werden, um nun auch diese Erfahrung machen zu dürfen.Wie sich Dinge doch manchmal in ihr Gegenteil verkehren können.Denn jetzt, wo der Jürgen nicht mehr trifft, trifft ihn die geballte Kritik. Beinahe jeder hierzulande will plötzlich erkannt haben, daß der Blonde mit dem VW-Käfer-Fahrer-Image, noch nie richtig Fußballspielen konnte, daß er eigentlich immer den Ball hat zu weit weg prallen lassen.Jetzt wird seine Linie in den Gesprächen mit den Personalchefs seiner bisherigen Arbeitgeber nicht als Geschick sondern als Abzockerei interpretiert. Und auch Hans-Hubert Vogts steckt in der Zwickmühle.Einerseits will der Bundestrainer an Klinsmann festhalten, schließlich hat er ihn im Dezember 1992 nach der 1:3-Pleite in Brasilien gegen alle Kritik in Schutz genommen.Andererseits muß er die Glaubwürdigkeit gegenüber den anderen Spielern wahren und bei der Besetzung des Angriffs das Leistungsprinzip anwenden.Vogts hat mit Oliver Bierhoff und Ulf Kirsten zwei Stürmer, die Woche für Woche treffen, so, wie Klinsmann früher.Vogts aber halte an seinem Lieblingsschüler fest, wie ein Hofnarr seinen König bei Laune.So scherzt man unter Journalisten. Nun, der Klinsmann weiß das auch, sagt er jedenfalls, wenngleich "ich nicht alles lesen und sehen kann, was die Medien rauslassen".- "Lächerlich" findet er die negativen Schlagzeilen auch nicht, "denn ich habe gelernt, damit umzugehen.Und ich weiß auch, wie schnell sich das dreht, wenn ich mal wieder treffe." Zudem wohne er ja mittlerweile wieder in Italien, "und das ist manchmal ganz schön weit weg." Derweil lebe er mit und von der Hoffnung auf Besserung.Es wird beim nächsten Spiel schon klappen, sage er sich."Vielleicht habe ich ja das Glück, daß mir im nächsten Spiel mal ein Ball vor die Füße rollt, den ich reinmachen kann." Zweifel, was das Toreschießen anbelangt, hätten ihn noch nicht beschlichen: "Nein, dafür weiß ich zu gut, was ich kann." Zudem will der Stürmer auch längst ausgemacht haben, warum er nun, da es bei ihm nicht so laufe, im Mittelpunkt der Kritik stehe."Das ist die logische Konsequenz der Leute, mit denen ich nicht so zusammengearbeitet habe, wie die sich das vorgestellt haben.Ich habe immer versucht, Distanz zu den Medien zu halten.Insofern kriege ich jetzt mein Fett ab." Aber vielleicht interpretiert Klinsmann die Rolle des Stürmers ja auch völlig neu.So wie es seinerzeit Franz Beckenbauer mit der des Liberos tat und seitdem als Fußball-Kaiser gilt? Ist Klinsmann in Wirklichkeit eine neue Lichtgestalt, ohne daß es einer von uns mitbekommt? Braucht etwa der moderne Stürmer keine Tore mehr machen, sondern nur laufen, vor allem viel quer, und rackern, und Räume für diejenigen schaffen, die noch Tore machen können? "Quatsch, mein Job ist es schon, Tore zu schießen.Aber ich kann meinen Stil nicht mehr ändern.Tor hin oder her, wichtig ist doch, daß wir gewinnen." Wie zuletzt in Berlin, als Klinsmann im EM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien beim 3:1-Sieg zweimal traf. Gegen Portugal bestreitet Klinsmann morgen sein 99.Länderspiel.99, da gibt es doch einen.Wayne Gretzky, die Eishockey-Legende schlechthin, der mehr Tore schoß, als andere zählen können.Dieser Mann mit der 99 auf dem Leibchen hatte nur eine Eigentümlichkeit.Das Geniale vor dem Tor.

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