Klinsmanns Einstand : Fast wie bei der WM

Nach zwei Jahren Pause ist Jürgen Klinsmann zum zweiten Mal in Deutschland gelandet, und vieles von dem, was Bayern Münchens Trainer sagt und tut, wirkt seltsam vertraut. Den HSV zum Auftakt der Bundesligasaison zu schlagen, dazu hat es nicht gereicht.

Stefan Hermanns[München]
FC Bayern Muenchen - Hamburger SV
Wie einst für Deutschland. Jürgen Klinsmann kämpft an der Linie mit.Foto: ddp

Es war um kurz vor zehn am Freitagabend, als das Raumschiff Allianz-Arena plötzlich seine Umlaufbahn verließ und eine Zeitreise in die Vergangenheit antrat. Kurz darauf landete das Stadion wieder im Juni 2006. Jürgen Klinsmann stand an der Seitenlinie, um seine erste Einwechslung vorzunehmen. Bastian Schweinsteiger ging vom Feld, Tim Borowski nahm seinen Platz ein: Schweinsteiger geht, Borowski kommt, und an der Seitenlinie steht Klinsmann – das kennt man irgendwie.

Bei der WM vor zwei Jahren war es genauso. Tim Borowski wurde nach dem 2:2 des FC Bayern München gegen den Hamburger SV gefragt, ob sich sein Trainer denn seitdem verändert habe. „Nein", antwortete der Mittelfeldspieler. „Es hat ja jeder gesehen, dass er mit viel Emotion dabei ist, dass er ununterbrochen mitgegangen ist und uns unheimlich gepusht hat."

Nach zwei Jahren Pause ist Jürgen Klinsmann zum zweiten Mal in Deutschland gelandet, und vieles von dem, was er sagt und tut, wirkt seltsam vertraut. Gegen den HSV erzielten die beiden Sommermärchenfiguren Poldi & Schweini die Tore zur 2:0-Führung der Bayern, sieben Deutsche schickte Klinsmann aufs Feld, nach Vollzug aller Einwechslungen waren es sogar acht. „Wir kommen gut voran", sagte der neue Bayern-Trainer. „Ich habe bei vielen einzelnen Spielern Fortschritte gesehen." Auch wenn er auf diesem Thema immer wieder herumreitet, wirkt Klinsmann von seiner Mission längst nicht so besessen wie in seiner Zeit als Bundestrainer. Wahrscheinlich ahnt er, dass ihn sein neuer Job sonst in kürzester Zeit innerlich zerfressen würde. Mit den Bayern muss sich Klinsmann nicht alle vier Wochen bewähren, sondern alle vier Tage.

Zwei Pflichtspiele, fünf Gegentore

In den ersten beiden Pflichtspielen unter ihrem neuen Trainer – im Pokal gegen Erfurt und zum Bundesligastart gegen den HSV – haben die Bayern fünf Gegentore kassiert. „Ich weiß, dass immer die Abwehr schuld ist", sagte Kapitän Mark van Bommel. „Aber so ist es nicht." Die Defensive sei Sache der ganzen Mannschaft. Könnte es sein, dass Klinsmann gerade von der zähen Diskussion über die Mängel im kollektiven Defensivverhalten eingeholt wird, die er in seiner Zeit bei der Nationalmannschaft erst nach dem ersten WM-Spiel abgeschüttelt hat? Damals musste er erst zu seinem defensiven Glück gezwungen werden, um am Ende erfolgreich zu sein.

In Erfurt gingen die Bayern dreimal in Führung, dreimal glich der Regionalligist aus, am Ende hieß es 4:3. Vier zu drei – das ist so etwas wie die Chiffre für Klinsmanns Idee vom Fußball: Wir schießen im Zweifel einfach ein Tor mehr als der Gegner. Es ist allerdings fraglich, ob sich die eher kontrollierten Bayern mit dieser anarchischen Herangehensweise innerlich anfreunden können. Zufall ist es nicht, dass der heftigste interne Kritiker an Klinsmanns Spektakelfußball mit der Nationalmannschaft der Vorzeige-Bayer Oliver Kahn war. „Wir arbeiten viel nach vorne, aber wir vergessen dabei manchmal unsere Laufwege für die Defensive." Könnte Kahn, 2005, sein. Ist aber Daniel van Buyten, August 2008.

Defizite in der Defensive

Dem HSV gelang es etliche Male, Bayerns Defizite in der Defensive aufzudecken. Schon in der zweiten Minute hätte Ivica Olic seine Mannschaft in Führung bringen können, später traf er noch den Pfosten, genauso wie Piotr Trochowski. Das Spiel der Hamburger zeichnete sich durch eine klare Struktur und ein gutes Gespür für den Raum aus. Die Bayern bekamen nie den rechten Zugriff auf das Geschehen. „Wir haben versucht draufzugehen, sind aber nicht drangekommen", sagte Philipp Lahm. „Es waren immer zwei Meter dazwischen." Zufall ist das wohl nicht. Aus dem strukturierten Spiel der Hamburger lässt sich bereits der Einfluss des neuen Trainers Martin Jol aus Holland ablesen.

In gewissem Sinne kann man das von Jürgen Klinsmann und den Bayern auch sagen.

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