Sport : Klinsmanns Geheimnis

Michael Rosentritt

Eine Szene des WM-Eröffnungsspiels dürfte Jürgen Klinsmann ganz besonders gefallen haben. Vermutlich wird es für den Bundestrainer „in keinster Weise“ problematisch gewesen sein, dass sich diese Szene nach dem Fußballspiel zutrug. Torsten Frings also wollte, weil er ein wunderschönes Tor erzielt hatte, den Ball als historisches Dokument aus der Münchner WM-Arena entführen. Frings hatte sich nach dem Abpfiff den Ball geschnappt und ihn bis zum Eintauchen in die Katakomben nicht mehr hergegeben. Jürgen Klinsmann schätzt ein solches Mehr an Eigensinn seiner Spieler. Er hat sie dazu aufgefordert, als er sie ermutigte, ihr Schicksal nicht mehr in fremder Leute Händen zu belassen. Als Jürgen Klinsmann selbst noch spielte, war er nicht zuletzt im Aushandeln seiner Anstellungsverträge ein Paradebeispiel für eine an Eigensinn grenzende Selbstständigkeit. Die Eigenart, nennen wir sie mal Qualität, hat er hinübergerettet in sein zweites Leben, jenes als Bundestrainer.

Jürgen Klinsmann hat klare Vorstellungen und strenge Prinzipien, und wenn man es gut meint, darf man ihm einen besonders standhaften Eigensinn in diesen Dingen attestieren. In solchen Dingen wie der Wohnortdebatte oder der WM-Quartierfrage hat sie sich ausgezahlt. Er scherte sich nicht um die zum Teil lächerlichen Bedenken und Zweifel, schob sie mit einem Lächeln beiseite. Heikel kann es werden, wenn es das Innenleben der Mannschaft betrifft.

Natürlich kann man einen gehandicapten Spieler wie Lahm aufbieten, der dann auch noch ein Tor schießt. Natürlich kann man Frings auf der vermutlich wichtigsten Feldposition spielen lassen, ohne dass er diese je in seinen Vereinen bekleidet hat. Ja, man kann in ein solches Turnier, welches man gewinnen will, auch ohne echte Alternative zu einem formschwachen Rechtsverteidiger Friedrich gehen. Und natürlich kann man sich eine kleine innere Krise leisten, indem man sich mit dem Mannschaftskapitän und einzigen Weltklassespieler anlegt. Man kann diesen Eigensinn als mutig bezeichnen. Man kann ihn aber auch für sehr gewagt halten.

Was ist, wenn Lahms Manschette am Spielfeldrand minutenlang nachjustiert werden muss und Gegenangriffe laufen, wenn stärkere Gegner kommen und Friedrich weiter stehen bleibt? Und was ist, wenn Frings vielleicht überfordert und ein kritischer Geist wie Ballack gestutzt bleibt? Die Frage ist: An welchem Punkt wird aus Eigensinn Sturheit, was, wenn Klinsmann Konsequenz mit Eigensinn verwechselt?

Nachdem Frings den Rasen mit dem Ball verlassen hatte, soll er Probleme mit der Fifa bekommen haben. Ob er ihn behalten durfte, „bleibt mein Geheimnis“, sagte Frings. Klinsmann trägt ein nicht ganz so unbedeutendes Geheimnis in sich. Wie gut tut sein Eigensinn der Mannschaft, und ab wann steht er ihrem Erfolg im Weg?

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