Sport : Klinsmanns neue Last

Der Bundestrainer gerät in die Kritik – beim Spiel in der Türkei steht er wieder unter Druck

Stefan Hermanns[Istanbul]

Jürgen Klinsmann führt im Moment ein sehr angenehmes Leben. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat den Bundestrainer und die Nationalmannschaft übers Wochenende im besten Hotel von Istanbul eingebucht, einem ehemaligen Sultanspalast aus dem 19. Jahrhundert, direkt am Bosporus gelegen. Die beste Suite kostet hier 11 500 Dollar – pro Nacht natürlich. Nun steht Klinsmann nicht im Verdacht, dem Luxus verfallen zu sein, anderseits ist der Palast am Wasser aber auch eine Trutzburg gegen die böse Außenwelt, die dem Bundestrainer zurzeit wieder einmal heftig zusetzt. „Immer mehr Zweifel an Klinsmann“, hat die „Sport- Bild“ in dieser Woche auf ihrer Titelseite verkündet und damit eine neue „Klinsmann in der Kritik“-Welle ausgelöst.

„Man registriert das natürlich“, sagt Klinsmann. „Einen Einfluss auf unsere Arbeit hat das aber nicht.“ Latente Skepsis begleitet den Erneuerer des deutschen Fußballs ohnehin seit seinem ersten Tag im Amt, und nur zeitweise schien er die Vorbehalte überwunden zu haben. Zum Abschluss des Confed-Cups wurde auch Klinsmann gefeiert: weil das Publikum einen Zusammenhang hergestellt hatte zwischen seiner Arbeit und dem mutigen Spiel der deutschen Mannschaft. Im Umkehrschluss aber heißt dies: Wenn die Mannschaft nicht mehr schön und erfolgreich spielt, wird auch Klinsmann nicht mehr gefeiert. In dieser Phase befinden wir uns gerade.

Eine vom DFB in Auftrag gegebene Medienanalyse hat ergeben, dass für Misserfolge nicht die Mannschaft verantwortlich gemacht wird, sondern in erster Linie Klinsmann. Das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Rudi Völler, der stets ergebnisunabhängig arbeiten konnte: Selbst das Debakel bei der EM 2004 hat Völlers persönlichem Image nicht geschadet, weswegen es Klinsmann auch nicht hilft, wenn er immer wieder darauf verweist, wie sich die Mannschaft seitdem, in den 15 Monaten unter seiner Verantwortung, entwickelt hat.

Für den Geschmack des Volkes hat Klinsmann das einfache Spiel Fußball viel zu sehr verkompliziert: mit Torhüterrotation, Fitnesstrainern aus Amerika und dem ganzen Brimborium. Hat nicht Kaiser Franz, der größte Trainer aller Zeiten, einst zu unseren Jungs einfach nur gesagt: Geht’s raus und spuits Fußball? Klinsmann hingegen sagt: „Wir haben eine genaue Zielsetzung formuliert und Konzepte aufgestellt, wie wir die erreichen wollen.“ So sprechen Unternehmensberater.

Wenn die Boulevardblätter Klinsmann attackieren, glauben sie also im Auftrag des Fußballvolkes zu handeln. Klinsmanns Ziel, Weltmeister zu werden, gilt als mindestens größenwahnsinnig. Zudem transportiert „Sport-Bild“ jetzt verstärkte Zweifel, „dass es Klinsmann gelingt, bis zur WM 2006 eine titelfähige Truppe zu formen“.

Um sein Ziel zu erreichen, will Klinsmann auch in Zukunft nicht von seinem Weg abweichen, „wohl wissend, dass wir es nicht allen Leuten recht machen können. Aber das ist auch gar nicht unser Wunsch“. Gegen die Türkei sollen seine Spieler heute „weitere Erfahrungswerte sammeln“. Für Klinsmanns persönliches Wohlbefinden wäre es aber genauso wichtig, dass die deutsche Mannschaft einigermaßen ansehnlich spielt und möglichst nicht verliert. Andernfalls würde sich der schwelende Missmut gegen den Bundestrainer wohl wieder so deutlich artikulieren wie nach dem 0:2 in der Slowakei.

Nach außen erweckt Klinsmann den Eindruck, dass ihn Kritik nicht sonderlich belastet; innerlich aber scheint er sehr viel empfindlicher und harmoniesüchtiger zu sein, als er zugibt. Nach der heftigen Kritik von Christian Wörns an seiner Nicht-Nominierung behauptete Klinsmann, am Telefon hätten sich beide längst ausgesprochen, die Sache sei geklärt. Am nächsten Tag aber konterte Wörns via „Bild“: Er könne diese Aussage nicht nachvollziehen und fühle sich „schon ein bisschen veräppelt“. Jürgen Klinsmann bleibt im Übrigen bei seiner Darstellung.

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