Klitschko gegen Solis : Wenn der Schatten fällt

Ein ominöser Wischer Witali Klitschkos hebelt in der ersten Runde Herausforderer Solis aus. Die Diagnose lautet auf Kreuzbandriss, Meniskusriss und Knorpelschaden.

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Setzen Sie sich. Der Kubaner Odlanier Solis nimmt wenige Sekunden vor Ende der ersten Runde auf dem Ringboden Platz, während Weltmeister Witali Klitschko (vorne) drohend über ihm steht.
Setzen Sie sich. Der Kubaner Odlanier Solis nimmt wenige Sekunden vor Ende der ersten Runde auf dem Ringboden Platz, während...Foto: dpa

Da kauerte er nun, Odlanier Solis, mit schmerzverzerrtem Gesicht am Ringpfosten gelehnt, seine bandagierten Hände regungslos in den Schoss gelegt. Dabei sollte eigentlich die zweite Runde des Boxkampfes laufen, vielleicht auch die dritte. Aber so weit kam es ja gar nicht. Um den 30-Jährigen herum standen sein Trainer, Sekundanten und Betreuer. Sie hatten Entsetzen in den Augen. Fünf Meter weiter hatte man Witali Klitschko bereits den monströsen WM-Gürtel über die Schulter gelegt. Als Sieger gab er das erste Interview. Alles wirkte irgendwie herausgerissen, grotesk, unvollständig. Und war es das nicht auch?

Die erste Runde dieser Schwergewichts-WM lief ihrem Gong entgegen, da kam es dicht am Seil zu einer Szene, die ein mächtiges Pfeifkonzert der 19 000 Zuschauer in der Kölner Arena erzeugen sollte. Zu sehen war nicht viel, jedenfalls nichts Boxerisches. Der 30-jährige Herausforderer Solis konnte sich in jenem Moment wohl nicht zwischen Angriff oder Meidbewegung entscheiden, als ein rechter Wischer Klitschkos seine Schläfe touchierte. Dieser Wischer muss – leicht verzögert – eine fatale Wirkung im Nervensystem des Kubaners entfaltet haben, sein reflexartiger Rückwärtstritt mit dem rechten Bein fiel derart unkoordiniert aus, dass er unglücklich fiel. „Dabei ist sein rechtes Knie nach innen weggeknickt und dann nach außen zurückgeschlagen“, wie es Ringarzt Stefan Holthusen später zu erklären suchte. Richtig habe er den Schlag nicht gesehen, aber wer hatte das schon?

Wie dem auch sei, der Ringrichter zählte den sich allmählich am Ringseil hochziehenden Solis aus. Der Gefallene schlurfte in seine Ecke, das Publikum wollte nicht wahrhaben wonach es aussah, doch der Kampf war aus. Auf den ringnahen Plätzen hatten es sich viele gerade erst gemütlich gemacht. Niemand wusste so recht mit der Situation umzugehen. Bald standen im Ring an die 50 Leute, alle anderen im Saal standen und pfiffen, oder lachten, oder schimpften. Die Leute vom RTL-Fernsehen, die für den Kampf das Motto „Klitschk. o. – im Schatten des Doms“ ersonnen hatten, blendeten fortlaufend Zeitlupen von den Beinen beider Boxer in jener fragwürdigen Szene ein. Beinarbeit ist zwar ein oft unterschätzter Bestandteil des Faustkampfes, aber nie waren Beine so wichtig wie jetzt. Hatte es Solis ein Bein verdreht, oder aber gab es oben herum eine Schlagwirkung?

Nach einigen Minuten setzte sich die Meinung durch, wonach einer gewissen Schlagwirkung ein folgenschwerer Fehltritt folgte, der schließlich Solis Matt setzte. Kurzzeitig erinnerte die Debatte am Ring an Wembley 66: war der Ball nun drin, oder war er es nicht. Als einer der ersten versuchte sich Henry Maske. „Ich habe nichts gesehen“, sagte der Ex-Weltmeister, „meiner Vermutung nach, war es wohl ein Streifschuss“. Aber wie könne man sich nur mit einer so „offenen Haltung“ einem Klitschko gegenüberstellen, zeterte Maske, „für mich ist das alles enttäuschend“.

Oben im Ring sprach Klitschko von einem „Volltreffer“. Nur hörte das kaum einer, weil das Pfeifkonzert noch im besten Gange war. Vielleicht wollte es auch niemand hören. Mal abgesehen von Bruder Wladimir. „Es war ein klarer Treffer, Solis ist getaumelt, vielleicht ist dabei was mit seinem Knie passiert“, sagte er – eher eine Mutmaßung. Wenn sich das Brüderchen so sicher war, warum hatte Witali nicht die Wucht seines Schlags genossen, sondern, was dieser Theorie widerspräche, sich noch über den am Boden liegenden Solis gebeugt und ihn beschimpft? „Ich bin doch selbst enttäuscht“, sagte der Weltmeister Stunden später. „Es war ein Treffer, aber kein Blackout-Treffer. Deswegen war ich im ersten Moment sauer auf Solis. Ich dachte, er simuliert.“

Inzwischen japste Ahmet Öner nach Luft. „So ein Pech, er steht einmal schlecht und dann das. Er muss operiert werden und fällt ein Jahr aus“, trötete der erregte Manager von Solis. Öner hatte den Olympiasieger aus Kuba vor mehr als vier Jahren als zur Flucht verholfen und als große Hoffnung auf das Ende der Ära Klitschko unter Vertrag genommen. „Er hat doch in der ersten Runde so gut angefangen, das sah nach was aus“, sagte Öner kurzatmig.

Tatsächlich hatte Solis einige gute Szenen, in denen er dem deutlich größeren Champion ein paar schnelle Schläge versetzte. „Keiner ist hier befriedigt, das war kein schöner Sieg für Klitschko“, sagte Öner, während sein Schützling bereits auf dem Weg in die Kölner Uni-Klinik war. „Alle sind enttäuscht, die Boxer, die Zuschauer“, aber Boxen sei kein Fußball, wo ein verletzter Spieler einfach ausgewechselt werden könne, „sondern eine Zwei-Mann-Sportart.“ Gegen drei Uhr nachts verließ Solis die Klinik. Die Diagnose lautet auf Kreuzbandriss, Meniskusriss und Knorpelschaden.

Der Abend sollte dennoch einen gewissen Unterhaltungswert bekommen, wenngleich anders als gedacht. Es wurde verbal gekeilt, tief in der Nacht. Ein paar gegenseitige Beschuldigungen respektive Beleidigungen wurden sich an die Köpfe geworfen, nicht von den Boxern selbst, sondern von deren Managern. Die Sätze sollen aber an dieser Stelle aus Respekt vor dem Anspruch dieser Zeitung keine weitere Vertiefung erfahren.

Derweil kann „Dr. Eisenfaust“, so Klitschkos Kampfname, weiter an seiner Legende stricken, wonach er der beste Knockouter ist. Doch wie lange noch? Dieser Abend hilft dem Boxen nicht weiter. Solis ringt darum, seine Karriere irgendwann mal wieder aufnehmen zu können, und Klitschko ist 39. „Es war nicht mein letzter Kampf“, sagte er.

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