Klitschko-Gegner Solis : Flucht nach Bikini Bottom

Witali Klitschkos Gegner Odlanier Solis ist wie viele kubanische Boxer vor ihm dem Sozialismus entkommen – heute will er nach dem ganz großen Geld greifen.

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Posen in der krossen Krabbe: Spongebob-Fan und Herausforderer Odlanier Solis (r.) will am Samstag Witali Klitschko den WM-Gürtel entreißen. Einen Bauchgürtel hat er schon.
Posen in der krossen Krabbe: Spongebob-Fan und Herausforderer Odlanier Solis (r.) will am Samstag Witali Klitschko den WM-Gürtel...Foto: AFP

Wenn das Licht einer Kamera angeht, legt Odlanier Solis sein Halskettchen frei. Daran baumelt ein diamantbesetzter Spongebob, eine Comicfigur aus der Unterwasserstadt Bikini Bottom. Auf viele Menschen wirkt das albern. Solis aber denkt nicht so. Kubaner, die die sozialistische Insel verlassen und es auf die Seite des Kapitals und der Freiheit geschafft haben, zeigen gern, was sie haben. Ob nun eine Rolex, dickgliedrige goldene Ketten oder eben den diamantenen Spongebob. Die subtile Botschaft: Hier hat jemand mächtig Erfolg. Am Samstag fordert der Boxer Odlanier Solis in Köln vor 19.000 Hallenbesuchern und Millionen Fernsehzuschauern (22.45 Uhr, live bei RTL) Witali Klitschko heraus, den Schwergewichtsweltmeister nach Version des WBC. „Ich werde die Welt von den Klitschkos befreien“, sagte Solis unlängst. Aber erst einmal musste er sich selbst befreien.

Odlanier Solis ist getürmt. Vor gut vier Jahren setzte er sich bei einem Turnier in Venezuela von der kubanischen Boxstaffel ab. Über Kolumbien landete er zusammen mit den beiden anderen Olympiasiegern Yan Barthelmy und Yuriorkis Gamboa in Florida und unterschrieb beim damals noch in Hamburg tätigen Boxpromoter Ahmet Öner einen Profivertrag. Angeblich soll dem 39-jährigen Öner das Paket rund 1,7 Millionen Euro wert gewesen sein. Ein Dutzend Promoter weltweit waren damals hinter diesen Boxern her.

In seiner Anfangszeit hatte Solis so seine Problemchen mit der neuen Freiheit. Er ließ sich mit einem goldenen Hummer durch Hamburg kutschieren, selbst kleinste Besorgungen verursachten großes Aufsehen. Auf der Reeperbahn ließ sich Solis mit leichtbekleideten Damen fotografieren, er investierte kräftig in Goldschmuck und zeigte sich auch immer wieder gern in Berlin, bei wilden Partys mit der kubanischen Gemeinde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Solis als Berufsboxer noch nichts erreicht. Wenn man mal davon absieht, dass er von seinem ersten Batzen Geld ein für kubanische Verhältnisse geradezu zügelloses Leben führen konnte. Mit Öner ist er in dieser Zeit oft aneinander geraten, weil Solis nun gar nicht so lebte, wie es für einen kommenden Champion angemessen gewesen wäre. Er kam zu spät zum Training oder gar nicht, er futterte sich teigige Hüften an und brachte es in seiner haltlosesten Phase auf satte 135 Kilogramm Kampfgewicht – vierzig Kilo mehr als zu Amateurzeiten, und das bei einer Körpergröße von knapp einsneunzig. Aber für die ersten Gegner, die penibel ausgesucht worden waren, reichten oft ein paar schnelle Hände und die Reste seiner Technik und seines Instinkts. Sein Profidebüt bestritt Solis 2007 gegen den Deutschen Meister Andreas Sidon, nach 47 Sekunden war schon alles vorbei. Es folgten ein paar weitere Aufbaukämpfe, die ihn weder forderten noch besser machten. Zuletzt, im Dezember 2010, schlug er im WM-Ausscheidungskampf den US-Amerikaner Ray Austin und erkämpfte sich das Herausforderungsrecht. Und den ersten großen Zahltag gegen Klitschko. Knapp eine Million Euro beträgt seine Gage. Und es geht erst richtig los, sollte er gewinnen. Doch hat Solis eine ernsthafte Chance?

Auch wenn Witali Klitschkos Boxstil zuweilen an den des Film-Haudraufs Bud Spencer erinnert, so hat der Ukrainer doch 41 seiner 43 Kämpfe gewonnen, 38 durch Knockout. Der eleganteste Boxer war er nie, aber er war immer hart und hatte Herz. Daran sind sie bislang alle gescheitert. Odlanier Solis ist jedoch alles andere als einer der üblichen Klitschko-Herausforderer, die dem Koloss von Kiew meist hoffnungslos unterlegen waren. Solis war selbst schon ganz oben. 2004 wurde er Olympiasieger und drei Mal Weltmeister bei den Amateuren. Eine bessere Eintrittskarte in das Reich von Ruhm und Wohlstand gibt es nicht. Der damals 24-Jährige hätte unter normalen Umständen vor einer Weltkarriere gestanden. Doch er lebte eben auf Kuba, wo es keine Profis gibt, und war daher abgeschnitten von der Welt der Millionen-Gagen.

Ahmet Öners Investition könnte sich nun auszahlen. Kubas Boxer gelten als die besten der Welt. Selbst Witali Klitschko erkennt die Klasse seines in 17 Profikämpfen unbesiegten Herausforderers an: „Solis ist einer der stärksten Gegner meiner Karriere“, sagte er. „Ich habe erst einmal gegen einen Olympiasieger geboxt. Das war Lennox Lewis.“ Den Kampf im Juni 2003 verlor Klitschko durch technischen Knockout. Solis’ Mitflüchtling Gamboa ist bereits WBA- und IBF-Weltmeister im Federgewicht.

Die Klasse der kubanischen Boxer hat eine ebenso lange wie tiefe Tradition. Die Grundlagen wurden vom Deutschen Kurt Rosentritt zu Beginn der Sechzigerjahre gelegt. Er entdeckte das Talent von Teofilo Stevenson, der 1972 als 20-Jähriger das erste von drei Malen Olympiasieger im Schwergewicht wurde. Das gelang vor ihm nur dem großen Ungarn Laszlo Papp, nach ihm nur Felix Savon. Zudem wurde Stevensons dreimal Weltmeister. Er war der Star der Amateurszene der Siebzigerjahre. Alle Angebote, gegen Muhammad Ali einen Schaukampf zu absolvieren, schlug Stevenson aus. „Was sind eine Millionen Dollar gegen das Vertrauen meines Landes“, erklärte er ganz im Sinne von Staatschef Fidel Castro. Der ebenso charismatische Savon wurde Stevensons Nachfolger als dreimaliger Olympiasieger. Savon wurde zudem sechs Mal Weltmeister – bis heute unerreicht. Selbst er, Castros Liebling, der das Boxen in Guantanamo gelernt hatte, musste lange auf ein eigenes Haus warten. Die Liebe des kubanischen Volkes musste ihm genügen. Beide aber künden noch heute von der Herrlichkeit des kubanischen Sozialismus. Der wichtigste Olympiasieg im Boxen, der im Schwergewicht, war 30 Jahre fest in kubanischer Hand – mal abgesehen von den Amerikanern Henry Tillmann und Ray Mercer, die bei den Spielen 1984 und 1988 vom Boykott der Kubaner profitierten. Die beiden letzten amerikanischen Olympiasieger im Schwergewicht, denen anschließend eine große Profikarriere gelang, waren Joe Frazier 1964 und George Foreman 1968.

Kubas Boxschule steht für Stil und Mut, für Eleganz und Power. Die Boxer von der Zuckerrohrinsel haben bis heute 32 olympische Goldmedaillen gewonnen. Doch die Kubaner sind nicht mehr gewillt, auf gleichem Niveau wie ihre Mitbürger zu leben. Die beiden vorerst letzten Flüchtlinge waren Doppel-Olympiasieger Guillermo Rigondeaux und Amateur-Weltmeister Erislandy Lara. Ihr erster Fluchtversuch, als sie sich 2007 bei den Panamerikanischen Spielen in Rio de Janeiro absetzten, missglückte. Schließlich flüchtete Lara 2008 im Schnellboot über die Yucatan-Straße im Golf von Mexiko, Rigondeaux 2009. „Sie alle sind außergewöhnlich“, sagt Öner, „wenn sie im Ring stehen, funktionieren sie, sie haben auch keine Angst, die ganz großen Jungs zu boxen.“

Die Flucht zweier anderer Boxer liegt etwas länger zurück. Juan Carlos Gomez blieb 1995 nach einem Turnier in Deutschland gleich hier. Als Profi holte er den WM-Titel im Cruisergewicht, ehe er vollends dem süßen Leben verfiel, Probleme mit der Steuer bekam und von Witali Klitschko klar geschlagen wurde. Seit 2005 lebt auch Yoan Pablo Hernandez hier. Demnächst wird der Boxer aus dem Berliner Sauerland-Stall um die WM kämpfen, ebenfalls im Cruisergewicht. Der Stern von Odlanier Solis ging 2001 auf, als er zum ersten Mal Weltmeister wurde. Im Finale schlug er einen gewissen David Haye. Der Brite hält inzwischen den einzigen Schwergewichtstitel außerhalb der Klitschko-Familie, den der WBA. In zwei Monaten trifft er auf Witali Klitschkos Bruder Wladimir, der die Titel nach IBF- und WBO-Version hält. Der in Miami lebende Solis hat sich ein paar Wochen im Trainingslager in Spanien geschunden. Früher, als er mit dem Boxen begann, war er von seinen Gegnern so gut wie nie zu treffen gewesen. Er war so schnell, so flink, dass sie ihn „la Sombra“ nannten – den Schatten.

In Köln wird er mit nur 110 Kilogramm in den Ring steigen. So leicht war Solis als Profi noch nie. Vielleicht kann er Klitschko ja tatsächlich schlecht aussehen lassen. Vielleicht aber ist er auch nur ein Schatten früherer Tage.

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