Sport : Kluge Köpfe konsultieren kleine Computer

DAVID ROSE

BERLIN .Die Hände hinter dem Rücken verschränkt schlurft Großmeister Mikhail Golubew in Oberlehrermanier hinter dem Tisch auf und ab.Lautlos drückt er zwei Zuschauer zur Seite und fixiert aus der Ferne das Schachbrett."Bei den guten Spielern arbeitet der Kopf während des Rumlaufens weiter, die schlechten vergessen, wo sie spielen", wispert ein Beobachter einem anderen zu.Als Golubews füllige Gegnerin aus ihrer Starre erwacht und mit ihren dicken Fingern den Turm zwei Felder nach vorne schiebt, richtet sich der Ukrainer in den blauen Jeans und dem schlabbrigen T-Shirt abrupt auf, eilt an den Tisch zurück und kneift die Augen zusammen.Kurz darauf huscht ein Lächeln über sein glattes Gesicht.Ein letzter Zug Golubews, seine Gegnerin reicht ihm die Hand und kritzelt eine Null und eine Eins auf den Spielberichtsbogen.

"Sie können das mit dem Marathon vergleichen", erklärt Turnierorganisator Alfred Seppelt die Besonderheit des "Berliner Sommers"."Es ist das größte in einer Gruppe gespielte Turnier der Welt." Amateure haben die Gelegenheit, direkt gegen Profis anzutreten."Die Spitzenspieler kommen, weil die Bedingungen gut und die Preisgelder mit 70 000 Mark relativ hoch sind", weiß der Internationale Meister Detlef Heinbuch.

In den Spielhallen des Sport- und Kongreßzentrums Hohenschönhausen wird kein Wort gesprochen, während die 430 Teilnehmer unter fahlem Weißlicht an langen Tischreihen sitzen.Überall trotten Zuschauer über das Parkett.Atemgeräusche wabern durch den Saal, während die Spieler auf ihren Sitzpolstern herumrutschen.Stühle rattern dumpf über den Boden.Ab und zu gluckert perlendes Wasser in die Trinkgläser."Das läuft trotz psychologischer Tricks alles fair ab", erzählt Ex-Profi Heinbuch."Da packt keiner die knisternde Chipstüte aus."

Durch die dunklen Gänge treibt Zigarettenqualm.Schwitzende Männer lümmeln in Ledersesseln und analysieren Partien.In der Kantine schaufelt Michail Golubew hastig eine Portion Spätzle in sich hinein und verfolgt über einen Monitor das Spitzenduell des Tages."Die Profis wissen oft gar nicht, in welcher Stadt sie spielen, weil sie ohnehin nur den Weg vom Hotel zum Spielort und zur nächsten Kneipe kennen", lästern einige hinter vorgehaltener Hand.Der Tagesablauf ist für die meisten Teilnehmer ähnlich: Bis 11 Uhr schlafen, essen, 200-300 Partien des Gegners nachspielen.Nachmittags das Match, wieder essen und zurück ins Hotel."Selbst Amateure warten nur, bis die Auslosung für den nächsten Tag um 22.30 Uhr im Internet steht, geben den Namen des Gegners ein und schon erscheinen 600 oder 800 Partien", berichtet Heinbuch.Er selbst spart sich das, weil er Spaß haben will und seinen Urlaub für den "Berliner Sommer" opfert.Obwohl er noch in der Spitzengruppe dabei ist, bleibt das Nachtleben nicht ohne Folgen: "Nach 1685 Partien habe ich heute zum allerersten Mal meinen Kugelschreiber vergessen, das einzige, was ein Schachspieler mitbringen muß."

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