Sport : Knallharte Freude

Hertha BSC hofft auf bessere Stimmung unter dem neuen Trainer Hans Meyer – gestern wurde zum ersten Mal wieder trainiert

Stefan Hermanns

Berlin. Was waren das für ruhige Zeiten damals in Holland. Ein paar Rentner am Zaun, und wenn ausnahmsweise ein Journalist das Training vom FC Twente Enschede beobachten wollte, „dann hat der sich richtiggehend bei unserem Pressesprecher angemeldet“, hat Hans Meyer einmal erzählt. Inzwischen arbeitet Meyer als Trainer beim Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, und da ist das öffentliche Interesse an seiner Arbeit ungleich größer. „Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Journalisten zuschauen“, hat er am Samstag vor dem Trainingsauftakt gesagt. „Gehen Sie mal davon aus, dass ich knüppelhart trainieren lasse.“

Natürlich war das nur ein Scherz, aber weil die Situation für Hertha ernst ist, könnte es der Außenwirkung wegen ganz praktisch sein, ein bisschen auf die Schweiß- Blut-und-Tränen-Drüse zu drücken. Hans Meyer interessiert das nicht. Als er gestern Nachmittag die erste Trainingseinheit des Jahres begann, hatten die Spieler ihre Fußballschuhe an – nicht die Laufschuhe. Schon beim Aufwärmen durften sie gegen den Ball treten, den Teufelsberg, die ungeliebte Joggingstrecke, werden sie auch in den nächsten Tagen nicht sehen. Herthas Problem ist nicht die mangelnde Fitness. Beim körperlichen Zustand der Mannschaft gebe es keinen Anlass zur Panik, sagt Meyer. „Wir haben keine Chance, dem Huub Stevens einen schwarzen Peter zuzuschieben.“

Die Probleme liegen im Kopf. Der Abstiegskampf erfordert eine andere Einstellung als die Qualifikation für die Champions League. „Quatschen und reden ist das eine“, sagt Meyer. Entsprechend handeln das andere. Vom Abstiegskampf haben einige Spieler schon ganz am Anfang der Saison gesprochen, „aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie auch gewusst haben, wovon sie reden“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Sonst wäre Hertha mit nur 13 Punkten nicht auf den vorletzten Tabellenplatz abgestürzt. Hoeneß will, „dass die Mannschaft sich vernünftig mit diesem Thema auseinander setzt. Es geht darum, dass wir nicht absteigen.“

Der Manager wartet immer noch auf das Ende des vorigen Jahres vehement eingeforderte Signal der Mannschaft. Doch inzwischen deklariert er das Ganze als Nebenthema, das bis zur Abfahrt ins Trainingslager am Montag kommender Woche geklärt sein solle. „Kein Mensch will, dass die Mannschaft auf Gehalt verzichtet“, sagt Hoeneß. Für ihn geht es um eine Lohnfortzahlung im Nichtabstiegsfall. Ein Teil der Gehälter soll, wie der Tagesspiegel berichtete, erst ausgezahlt werden, wenn Hertha in der Bundesliga bleibt. „Die Mannschaft soll sich selbst eine Nichtabstiegsprämie bezahlen“, sagt Hoeneß.

Ob sie sich mit dieser Lösung einverstanden erklärt, ist jedoch fraglich. Während des Weihnachtsurlaubs jedenfalls hat es keine Telefonkonferenz der Spieler zu diesem Thema gegeben; sie wollen sich nun in dieser Woche zusammensetzen, um zu einer Lösung zu kommen. Große Freude ruft Hoeneß’ Vorstoß aber nicht hervor: „Wir haben alle leistungsbezogene Verträge“, sagt Kapitän Dick van Burik. „Wir haben sowieso schon einiges weggespielt.“ Eine lange Diskussion ums Geld ist das Letzte, was Hertha jetzt braucht, zumal auch Hoeneß mit der personellen Veränderung im Trainerstab die Hoffnung verbindet, „dass etwas mehr Freude einkehrt“. Dick van Burik hat sich in den Weihnachtsferien bei seinen Landsleuten in Enschede nach Meyer erkundigt, und was er da erfahren hat, war „nur positiv“.

Die Stimmung jedenfalls ist schon jetzt besser. Als Meyer nach seiner halbstündigen Antrittsrede aus der Kabine trat, warteten mehrere hundert Fans vor der Tür. Und obwohl Meyer noch keinen einzigen Punkt geholt hat, jubelten und applaudierten die Anhänger, als sei ihnen der Retter erschienen. Gut 1500 Zuschauer verfolgten anschließend die erste Trainingseinheit – so viele waren nicht einmal gekommen, als Hertha jedem Besucher eine Freikarte für das nächste Bundesligaspiel versprochen hatte.

Hans Meyer befindet sich immer noch in der Orientierungsphase. Bis gestern hatte er mit keinem Spieler gesprochen. „Die Zeit, um einander kennen zu lernen, ist kurz“, sagt van Burik. Deshalb soll auch erst nach dem Trainingslager die Frage geklärt werden, ob Hertha noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv wird. Wenn man das 0:3 in Köln zum Maßstab nehme, „brauche ich zehn Neue“, sagt Meyer, nehme man das 2:2 in Bochum, „brauchen wir für den Klassenerhalt keinen“. Ohnehin geht es nur um einen einzigen Neuen. „Machen Sie sich mal keine Hoffnungen, dass wir ganze Mannschaftsteile austauschen werden“, sagt Dieter Hoeneß. Meyer ist bei diesem Thema eher zurückhaltend. Zum einem gebe es nicht viele Spieler, die zu haben wären, „bei denen wir kein Risiko eingehen“. Zum anderen bestehe die Gefahr, dass eine ausgiebige Diskussion zu der Ansicht führt: „Du glaubst an die eigenen Leute nicht.“

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