Sport : Knapp am Bus vorbei

Benedikt Voigt

Am vorletzten Tag ist es auch dem Olympiaberichterstatter passiert: An der Haltestelle Cesana Centro ist der Bus „OFM6“ einfach an ihm vorbeigerauscht. Bisher hat der Olympiaberichterstatter Busfahrer, die nicht wissen, wohin sie fahren müssen, und Busfahrer, die nicht wissen, wo sie anhalten müssen, nur aus Erzählungen gekannt. Der Berichterstatter hätte sich nun über den Busfahrer ärgern können, in Wirklichkeit ärgerte er sich nur über sich selber. Er hatte zwei große Fehler begangen.

Er war in jenem Augenblick in ein Gespräch vertieft und hatte nicht bemerkt, dass sich ein Bus nähert. So konnte er nicht auf die Straße springen, Augenkontakt mit dem Fahrer aufnehmen und ihn durch eine ausgestreckte Handfläche zum Stoppen zwingen. Der Olympiaberichterstatter hatte vergessen, unbedingt damit zu rechnen, dass etwas nicht funktioniert. Und er hatte vergessen, Eigeninitiative zu entwickeln. Das aber sind die Grundregeln im Transportwesen bei den Spielen von Turin. Der Berichterstatter hat sie schon nach wenigen Tagen beherrscht. Auf dem Bahnhof von Bardonecchia hatte er das junge Mädchen mit dem T-Shirt „Auskunft“ gefragt. Der nächste Zug nach Oulx fahre um 20.52 Uhr, sagte sie. Natürlich hat er danach den älteren Mann mit dem T-Shirt „Auskunft“ gefragt. Der nächste Zug fahre um 20.22 Uhr, sagte er. Selbstverständlich hat der Berichterstatter im Zug als Erstes den Schaffner gefragt, ob er tatsächlich nach Oulx fahre.

Im Großraum Sestriere hält der Berichterstatter alles an, was Räder hat. Busse, Kleinbusse, Mannschaftsbusse, Großraumtaxis, Privatautos. Die Strecke von Cesana auf die Passhöhe Claviere legt er seit einer Woche per Anhalter zurück, was dank freundlicher Italiener und neugieriger Olympiatouristen sehr gut funktioniert. Andere tun es ihm gleich. Ein amerikanischer Journalist entschloss sich sogar, nachdem er bis zwei Uhr nachts vergeblich auf einen Bus gewartet hatte, zu Fuß die 500 Meter Höhenunterschied nach Claviere zu überwinden. Über sieben Kilometer hinweg, durch drei Tunnels hindurch. Zweieinhalb Stunden hat er dafür benötigt. Der Olympiaberichterstatter weiß das, weil ein Kollege mit diesem Helden der Eigeninitiative gesprochen hat. „Es gibt ihn“, sagte der Kollege, „er ist eine lebende Legende.“

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