Sport : Knapper Sieg der Moderne

Eine verjüngte B-Auswahl der Berliner Eisbären gewinnt das Eishockey-Traditionsduell mit Weißwasser

Frank Noack[Weisswasser]

Nach dem Spiel stand Hartmut Nickel mit hochrotem Kopf auf dem Podium und hätte beinahe das vor ihm stehende Bierglas umgeworfen. „Eigentlich wollten wir es gar nicht so spannend machen“, sagte der Kotrainer der Berliner Eisbären. „Wir hatten fest eingeplant, das Spiel schon nach 60 Minuten zu gewinnen.“ Dabei hätte Nickel doch wissen müssen, dass es allein schon aus traditionellen Gründen immer sehr spannend zugeht, wenn die Eishockeymannschaften aus Weißwasser und Berlin gegeneinander spielen. 20 Jahre lang duellierten sich beide Vereine Woche für Woche in der DDR-Oberliga. Nickel, der in Weißwasser aufwuchs und mit 19 Jahren nach Berlin wechselte, gehörte damals zu den Hauptdarstellern auf dem Eis.

Auch das 286. Pflichtspiel der Dauerrivalen reihte sich würdig in die Reihe der denkwürdigen Duelle zwischen Dynamo und Dynamo ein. Am Ende gingen diesmal die stark verjüngten Berliner Eisbären als Sieger vom Eis. Allerdings brauchten sie die Verlängerung, um sich gegen die zweitklassigen Lausitzer Füchse in der zweiten Runde des deutschen Pokals mit 4:3 durchzusetzen. Für Weißwasser blieb am Ende nur die schmerzhafte Erkenntnis, dass an diesem Abend die Vergangenheit von der Zukunft regelrecht überlaufen wurde.

Dabei wäre der nostalgische Abend womöglich ganz anders verlaufen, wenn der Kanadier Daryl Andrews kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit beim Stand von 3:2 für Weißwasser die rustikale Variante gewählt hätte, um seine Mannschaft aus der Berliner Umklammerung zu befreien. Die Eisbären hatten zu diesem Zeitpunkt ihren Torhüter Sebastian Stefaniszin längst zugunsten eines sechsten Feldspielers vom Eis genommen. Doch statt den Puck einfach aus dem eigenen Drittel zu schlagen, entschied sich Andrews für die technisch elegantere Lösung der Gefahrensituation – mit dem Erfolg, dass die Berliner die Scheibe schnell zurückeroberten. Dann stand René Kramer plötzlich frei vor dem Tor und traf zum kaum mehr erwarteten Ausgleich. Das geschah exakt 13 Sekunden vor der Schlusssirene, und der Favorit hatte sich noch einmal in die Verlängerung gerettet. Hier erzielte der Kanadier Richard Mueller nach 1:32 Minuten den Siegtreffer. „Wir sind mit dem Ergebnis nicht ganz unzufrieden“, gab Hartmut Nickel erleichtert zu.

Cheftrainer Pierre Pagé stand unter den Zuhörern. In der Weißwasseraner Heimat überließ er seinem Assistenten gönnerhaft den Vortritt. Dass Pagé am Pokalwettbewerb ohnehin kein übermäßiges Interesse verspürt, hatte er schon im Vorfeld deutlich gemacht. Wegen der zahlreichen Verpflichtungen in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mit zuletzt elf Spielen in 24 Tagen ließ der Kanadier alle Leistungsträger zu Hause. Mit dieser Einstellung befindet sich Pagé in guter Gesellschaft. Bereits in der ersten Runde hatten sich fünf DEL-Teams verabschiedet, im Achtelfinale kamen mit Hamburg, Iserlohn und Pokalverteidiger Ingolstadt drei weitere dazu. „Im Fußball kann man mit dem Pokal Geld verdienen. Im Eishockey funktioniert das nicht, deswegen fehlt der Anreiz“, sagt der Eisbären-Trainer. Der Pokalsieg ist mit bescheidenen 20 000 Euro dotiert. So reiste denn eine mit Junioren aufgefüllte B-Mannschaft für den Deutschen Meister nach Weißwasser.

Die jungen Eisbären hinterließen einen guten Eindruck und waren dem Tabellenletzten der Zweiten Liga vor allem läuferisch überlegen. „Schnell und spritzig waren die Jungs“, sagte Hartmut Nickel. Zwar sei die Mannschaft vor allem im letzten Drittel kräftig unter Druck geraten. „Aber das ist normal“, sagte Nickel. „Diese Spieler befinden sich mitten im Lernprozess.“ Dass die Jugend zumindest beim Feiern schon erstligareif ist, bewiesen die Berliner bei ihrem ausgelassenen Jubel nach Muellers Siegtor.

Die Fans der Lausitzer Füchse hatten sich zu diesem Zeitpunkt längst auf den Heimweg gemacht. Der nostalgische Abend fand für die Gastgeber in der Verlängerung einen ernüchternden Abschluss. Dabei war Weißwasser extra in historischen Dynamo-Trikots aufgelaufen, um an die 25 Meistertitel in der DDR zu erinnern. Nur die dezenten Sponsorenlogos signalisierten, dass sich seitdem einiges verändert hat. Sportlich und auch finanziell spielen der „einzig wahre Serienmeister“, wie die Fans der Füchse auf einem Spruchband trotzig verkündeten, und der ewige Rivale aus Berlin schon lange nicht mehr auf Augenhöhe.

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