Sport : Kneipensport für Gentlemen Der beste Snooker-Spieler benimmt sich daneben

Mathias Klappenbach

Berlin - Viele Menschen sehen fern, um sich ein wenig zu entspannen. Auf der Suche nach dem entsprechenden Programm bleiben immer mehr Zuschauer bei einer Sendung hängen, die im Prinzip stetig das gleiche Bild sendet. Es handelt sich aber nicht um den Nachtklassiker „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“, sondern um Sport. Genauer gesagt: Snooker. Bis zu eine Million Menschen sehen bei Eurosport zu, wenn zwei Männer auf einem ungewöhnlich großen Tisch mit ungewöhnlich kleinen Kugeln gegeneinander Billard spielen.

Das ist alles, was passiert, und gleichzeitig der Grund für den wachsenden Erfolg von Snooker. Nur die Lage der Kugeln auf dem grünen Tisch kann sich verändern, alles andere ist verlässlich und streng reglementiert, maximale Entspannung garantiert. Britische Offiziere erfanden Snooker vor 130 Jahren in ihrer damaligen Kolonie Indien, und wenn sich heutzutage die besten Spieler zur Weltmeisterschaft im Crucible Theatre in Sheffield treffen, hat das immer noch etwas von ausschließlich Männern vorbehaltenen Gentleman-Clubs mit Ohrensessel, Zigarre und Whiskey.

Der größte Star allerdings ist auch deshalb so bekannt, weil er stetig gegen die Etikette verstößt. Ronnie O’Sullivan flucht laut, machte kürzlich bei einem Pressegespräch in China Sprüche über Oralsex und seinen Penis oder geht einfach mitten im Spiel, wenn es ihn langweilt. So wie 2006 bei der UK Championship, als er 1:4 gegen Stephen Hendry zurücklag und den Saal verließ. Geldstrafen gehören bei ihm dazu, aber mit Snooker kann man Millionen verdienen. O’Sullivan ist ein schwieriger Charakter. Sein Vater sitzt wegen Mordes im Gefängnis, Ronnie kämpft mit Depressionen. Kein anderer besitzt so großes Talent für die Konzentration, die Mathematik, das Feingefühl, die für Snooker nötig sind. Mit Kneipenbillard hat das Spiel, bei dem abwechselnd eine der 15 roten Kugeln und einer der sechs farbigen, die zunächst aus den Taschen immer wieder auf ihren Platz zurückgelegt werden, versenkt werden muss, so wenig zu tun wie Ping-Pong in der Garage mit professionellem Tischtennis. Wer einmal probiert, die Lage auf dem 3,50 Meter mal 1,80 Meter großen Tisch in seinem Sinne zu verändern, wird dem nur scheinbar gleichen Fernsehbild ganz neue Facetten abgewinnen.

Das Größte ist ein „maximum break“, bei dem in einem Zug zwischen den roten immer die höchstwertige schwarze Kugel versenkt wird, bevor die anderen farbigen versenkt werden und der Tisch in einem Zug leergeräumt wurde. Ronnie O’Sullivan hat bei der WM das neunte „maximum break“ seiner Karriere gespielt, keiner hat mehr. Auf Platz zwei in dieser Wertung liegt Stephen Hendry, der siebenmalige Weltmeister, mit acht „maximum breaks“.

Der 39 Jahre alte Hendry hat das Snooker revolutioniert. Er war der erste, der nicht nur auf Sicherheit spielte, vor ihm galt es als gutes Snooker, die besten Sicherheitsbälle zu spielen und den Gegner zu Strafpunkten zu zwingen, wenn er keine rote Kugel anspielen kann. Das bedeutet eigentlich „snookern“, und es passierte oft noch deutlich weniger als bei den „schönsten Bahnstrecken Deutschlands“. Ganz so entspannt geht es nicht mehr zu, denn O’Sullivan ist zwar nur sieben Jahre jünger als Hendry, steht aber schon wieder für die nächste Generation.

Er spielt schnell, aggressiv, offensiv. Am Freitag hat er im Duell der beiden besten Spieler Hendry im Halbfinale der WM mit 17:6 Sätzen vom Tisch gefegt, am Sonntag kann er zum dritten Mal Weltmeister werden. Erst. „Ich bin ein Versager“, hat er kürzlich dazu gesagt.

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