Sport : Kniefall vor sich selbst

Hermann Maier überrascht mit seinem WM-Titel im Riesenslalom sich und ganz Österreich

Markus Huber[Wien]

Es mag ja sein, dass sich auf dieser Erde am Donnerstag noch ein paar andere Dinge ereignet haben, Nordkoreas Atombombenouting etwa, Prinz Charles’ Verlobung oder die saudischen Wahlen, aber für Österreich war das alles Firlefanz. Seit Donnerstag, 14.35 Uhr gibt es nur noch ein Thema: Die Rückkehr des Hermann Maier.

Der 32 Jahre alte Maurer außer Dienst war bei den alpinen Ski-Weltmeisterschaften im italienischen Bormio Weltmeister im Riesenslalom geworden. Es war das erste Rennen in dieser technisch anspruchvollsten Disziplin, das er seit März 2001 gewinnen konnte, und das nach einer für seine Verhältnisse enttäuschenden Saison und noch enttäuschenderen WM. In seiner Paradedisziplin, dem Super-G, war er nur Vierter geworden, in der Abfahrt am vergangenen Samstag gar nur 17. Ein Debakel für einen Doppel-Weltmeister und DoppelOlympiasieger, den man in Österreich eigentlich bereits im sportlichen Niedergang gesehen hatte. Die österreichischen Medien hatten ihn während der WM zart kritisiert, was noch vor einem Jahr als Majestätsbeleidigung aufgefasst worden wäre. Im Internet wurde auf Maiers Homepage von anonymen Fans bereits vermerkt, dass er zurücktreten solle.

Doch nun ist er wieder da, der „Weltmeister der Comebacker“, wie der Wiener „Standard“ ihn nun bezeichnet. „Hermann hat’s allen gezeigt“, titelte die „Neue Kronenzeitung“ am Freitag, Maier brauchte plötzlich keinen Nachnamen mehr. Der „Kurier“ beschrieb „Die Rückkehr des Ski-Giganten“, um aus aktuellem Anlass hinzuzufügen: „Ein Sieg gegen alle Kritiker und Wetten“. Und die „Presse“ – in allen Ressorts außerhalb des Sports Österreichs seriösestes Blatt, verstieg sich sogar zur nicht ganz leicht verständlichen Schlagzeile „Kniefall des demütigen Triumphators“.

Tatsächlich ist Maiers Sieg bemerkenswert: Seit seinem schweren Motorradunfall im Sommer 2001 und seiner 18-monatigen Erholung hatte er gerade im Riesenslalom den Anschluss an die Weltspitze scheinbar verloren, ihm fehlte sowohl die Kraft als auch das Gefühl für die Schwünge. Das verwunderte auch nicht, wenn man bedenkt, dass dem Mann vor vier Jahren um ein Haar das rechte Bein abgenommen werden musste und er noch heute, wenn er keine Ski unter den Füßen hat, humpelt wie ein Frischverletzter. Was alle bei Maier unterschätzt hatten war aber sein ungebrochener Siegeswille – und der Riesenslalom war seine letzte Chance, bei dieser WM noch zu einer Medaille zu kommen. „Meine mentale Stärke hat mich selbst überrascht“, sagte Maier in seiner ersten Reaktion.

Mit diesem Sieg scheint die Weltmeisterschaft in Bormio nicht nur für Maier, sondern für Österreich insgesamt gerettet zu sein. Denn die größte Skination war in der Lombardei bislang noch nicht auf Touren gekommen, vor dem Riesenslalom der Männer lagen die Österreicher im Medaillenspiegel sogar nur auf Platz vier. Österreich hatte bis dahin nur eine Goldmedaille, und weil diese bloß in der eher unbedeutenden Kombination errungen worden war, galt die WM als ein großer Misserfolg.

Die Aufmerksamkeit ließ nach, die Quoten im Fernsehen waren längst nicht mehr so hoch wie bei vergangenen Titelkämpfen. Im „Kurier“, der auflagenstärksten österreichischen Qualitätszeitung, war die WM-Berichterstattung tagelang sogar vom Fußball-Wettskandal von der Titelseite verdrängt worden. Beim heutigen Slalom der Männer dürfte das anders sein. Denn der Slalom, bei dem im deutschen Team Alois Vogl wegen einer Augenentzündung ausfällt, wird die endgültige Antwort auf die Frage bringen, wer bei dieser WM erfolgreicher ist: Das gesamte österreichische Herren-Team oder Bode Miller? Der Amerikaner hatte vor der WM als Ziel ausgegeben, mehr Goldmedaillen zu holen als die arroganten Österreicher – und selbst in Österreich gibt es ein paar Zyniker, die ihm das gönnen würden. Vor dem fünften Wettbewerb haben die Österreicher und Miller je zwei Goldmedaillen gewonnen. Das fünfte und letzte WM-Rennen der Männer muss also die Entscheidung bringen.

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