Sport : Koalition gegen das Doping

Rot-grüne Politiker wollen Rechtslücken schließen – doch Minister Schily sieht keinen Bedarf

Frank Bachner

Berlin. Dagmar Freitag stellt sich mal kurz dieses Bild vor. Da fährt ein Dealer von Dopingmitteln durch die Gegend, den Kofferraum seines Auto vollgepackt mit Anabolika. „Das kann ja wohl nicht sein“, sagt die Sportsprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. Das ist aber so, der Besitz von Dopingmitteln in Deutschland ist straffrei, das hat gerade erst Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) und zugleich Richter, angeprangert. Auch die Herstellung von Dopingmitteln ist nicht verboten, das Designer-Steroid THG dürfte in Deutschland deshalb jeder Chemiker herstellen. Für Prokop sind das „Lücken im Arzneimittel-Gesetz“, und dieser Meinung ist auch Dagmar Freitag. „Die straffreie Herstellung von Dopingmitteln ist nicht vertretbar“, sagt die Politikerin.

Angesichts des Dopingskandals in den USA müsse auch in Deutschland über „Veränderungen der Rechtslage gesprochen werden“, sagt Freitag. Eine Analyse habe ergeben, „dass das Arzneimittelgesetz völlig unbefriedigend ist“. Verboten ist zwar die Abgabe von Dopingsubstanzen an Dritte, „aber das Gesetz nutzt nichts, wenn niemand Anzeige erstattet oder Verfahren eingestellt werden, weil verwertbare Aussagen fehlen“. Deshalb müssten „Rechtslücken geschlossen werden“. Einem Antrag der SPD und der Grünen, das Innenministerium solle ein Anti-Doping-Gesetz entwerfen, hat der Bundestag schon vor längerer Zeit zugestimmt – aber passiert ist noch nichts.

Innenminister Otto Schily stellt sich damit gegen die Koaltionsfraktionen. Schily sieht aktuell auch keinen Anlass, das Gesetz zu verschärfen. Er glaubt vielmehr, dass die bisherigen Gesetze nicht streng genug angewandt würden. „Der Innenminister sieht Vollzugsdefizite, aber keine Defizite in der Gesetzgebung“, sagt seine Sprecherin Gabriele Holtrup. „Mit einem Anti-Doping-Gesetz hätte man die Herstellung von THG auch nicht verhindern können. Aber trotzdem sind wir wegen des jetzt bekannt gewordenen systematischen Dopings beunruhigt.“ Gleichwohl hofft Dagmar Freitag, dass Schily sich nun bewegt. „Ich glaube, dass die Gespräche unserer Fraktion mit dem Innenministerium eine neue Dynamik erhalten.“ Zugleich betont sie, „dass die Autonomie des Sports erhalten bleiben soll“.

Auch Winfried Hermann, Sportexperte der Grünen im Bundestag, empfindet die straffreie Herstellung und den Besitz von Dopingmitteln als „völlig inakzeptabel“. Das Arzneimittelgesetz sei „rechtlich unvollständig“. Auch der Grüne fordert deshalb seit langem ein Anti-Dopinggesetz.

Der Deutsche Sportbund dagegen ist mit der jetzigen Regelung zufrieden. „Unser Präsident von Richthofen und Otto Schily sind sich einig, dem habe ich nichts hinzuzufügen“, sagt Armin Baumert, der Geschäftsführer Leistungssport des Sportbundes. Von Richhofen und Prokop wollen sich aber im November über ein Anti-Doping-Gesetz unterhalten. Das Nationale Olympische Komitee (NOK) ist anderer Ansicht als der Sportbund. Prokop sprach nämlich auch für das NOK – er ist Vizepräsident des Verbands.

Christa Thiel, Juristin und Präsidentin des Deutschen Schwimmverbands, will „erst die Resultate der Dopingproben abwarten“, die nun auf THG untersucht werden. „Ich halte nichts von Schnellschüssen“, sagte sie. „Man kann nicht bloß Forderungen nach neuen Gesetzen in den Raum stellen, vor allem nicht, wenn der Kern des Problems nicht in Deutschland liegt.“

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