Sport : Köber vs. Savon: Banklehrling fordert Box-Ikone

Hartmut Scherzer

Die sichere Medaille macht Sebastian Köber ganz schön mutig: "Ich gehe ganz locker rein, und so werde ich auch boxen. Der ist nicht mehr so stark und zu schlagen. Sage ich halt mal. Irgendwann ist die Zeit vorbei von dem Mann." Der Mann ist Felix Savon, und gegen den sechsmaligen Weltmeister und zweimaligen Olympiasieger im Schwergewicht muss der unerschrockene große Junge von der Oder am Donnerstag antreten. Der Ärmste, möchte man meinen: 21-jähriger Banklehrling gegen 32-jährige Box-Ikone in der 91-Kilo-Klasse - müsste da nicht die Weltgesundheitsorganisation eingreifen? Voller Sarkasmus hatten das einst amerikanische Medien vor dem vermeintlichen Missmatch George Foreman gegen Axel Schulz gefordert. Und dann war erwiesener Betrug notwendig, um dem Champion den Titel zu lassen. Also: Alles ist möglich.

Sebastian Köber, wie Axel Schulz in Frankfurt (Oder) zu Hause, hat etwas von dessen sonnigem Gemüt. "Bei allem Respekt: Savon ist nicht mehr der, der er einmal war. Ich möchte gewinnen. So gehe ich den Ring. Dann werden wir sehen, was passiert." Sebastian Köber hatte den Vorkampf vor dem Hauptkampf des olympischen Boxturniers sauber, sicher und souverän gegen den Kanadier Mark Simmons gewonnen. Jeder genau gezielte gerade Schlag saß auch als klarer Treffer. Als der Computer das Verhältnis 16:1 anzeigte, war der Abbruch acht Sekunden vor Ende der dritten Runde automatisch fällig. Köber ließ den rechten Arm vor Freude rotieren und klatschte mit der Faust seinen Trainer Karl-Heinz Krüger ab. Nach der deutlichen Niederlage von Steven Küchler gegen den Rumänen Dorel Simion hatte der Schwergewichtler mal wieder für ein Erfolgserlebnis der deutschen Staffel gesorgt.

"Ich bin von Natur aus ein rationeller Typ", sagte Köber über seinen sparsamen Kampfstil ganz nach alter Frankfurter Schule. "Ich möchte nicht mehr machen als nötig und mit jedem Schlag, den ich setze, die Punktrichter auch überzeugen zu drücken." Rationell, Stück für Stück, hat sich der 1,95 Meter große Athlet nach vorn geboxt. Erstes Ziel: bei Olympia überhaupt dabei sein. Qualifiziert. Zweiter Schritt: "Nicht gleich im ersten Kampf rausfliegen." Geschafft. Dritter Traum: eine Medaille. Erfüllt. Mit dem Sieg über den chancenlosen Kanadier steht Köber im Halbfinale gegen den Superstar aus Kuba. Und wenn er noch so viel Prügel beziehen sollte, die Bronzemedaille können ihm auch die Fäuste des Felix Savon nicht mehr entreißen.

Ist etwas dran an Köbers Bemerkung, Savon sei nicht mehr der, der er einmal war? Es ist allenfalls eine Nebensächlichkeit, die darauf schließen lassen könnte. Früher war Savon aus dem Stand über die Seile in den Ring gesprungen, in Sydney steigt er nur drüber. Aber seine Größe, seine langen Arme, seine Reflexe, seine Routine reichen immer noch aus, sich seine Gegner mit alter kubanischer Klasse vom Leib zu halten. Auch Sebastian Köber beherrscht diesen sauberen olympischen Stil, freilich nicht so wie Felix Savon: "Der braucht nur zu schlagen", hat Köber beobachtet, "dann drücken die Punktrichter schon. Vor lauter Ehrfurcht."

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