Sport : Köber vs. Savon: Felix Savon: Der letzte Botschafter im Trainingsanzug

Helmut Schümann

Michael Bennett ist Weltmeister im Schwergewicht. Michael Bennett wiegt 90 Kilo und ist 1 Meter 83 groß. Boxen hat er im "Pit" gelernt, dem in einem Steinbruch gelegenen staatlichen Gefängnis von Illinois. Im "Pit" hat er sieben Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls gesessen, Michael Bennett ist ein harter Knochen.

Am gestrigen Dienstag musste Michael Bennett im Viertelfinale des olympischen Turniers gegen Felix Savon antreten. Nach 5:57 Minuten brach das Kampfgericht den Fight wegen zu großer Unterlegenheit von Michael Bennett ab. Selten einmal dürfte ein aktueller Weltmeister derart vermöbelt worden sein. Aber Weltmeister ist dieser Bennett ja ohnehin nur geworden, weil Savon damals in Houston aus Protest gegen den Betrug an einem Staffelkameraden nicht zum Finale angetreten war.

Felix Savon ist 1 Meter 98 groß, wiegt 91 Kilo und ist der beste Amateurboxer der Welt. Felix Savon hat alles erreicht, was man erreichen kann als Boxer. Er hat 1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona Gold gewonnen und auch vier Jahre später in Atlanta. In Seoul 1988 hätte er gewiss ebenso gewonnen, aber da waren er und sein Land nicht dabei. Dafür wird Felix Savon hier in Sydney die Goldmedaille umgehängt, auch wenn sich der Deutsche Sebastian Köber für das Halbfinale am Donnerstag Mut macht mit der Aussage, Savon sei nicht mehr der alte und durchaus zu schlagen.

Boxen hat Felix Savon in Guantanamo gelernt, leider, sagen die einen. Weil Guantanamo in Kuba liegt, was ihm einen Wechsel ins Profigeschäft verwehrte, und einen Aufstieg zum Liebling der Welt auch. Verwehrte? Felix Savon würde wohl eher sagen: schützte.

Er ist nach seinem Kampf noch ein wenig rumgehüpft im Ring, hat in der einen Ecke Schatten verhauen, in der anderen Ecke auch, hat seinen gut ausgebildeten Körper gedreht, gewendet, hergezeigt und ist dann aus der Halle getänzelt. Nur aus dem Stand über die Seile springen, wie er es früher gemacht hat, das macht er nicht mehr, er ist jetzt auch schon 32. Aber Spirenzchen, wie sie die Profis machen, die macht er immer noch gerne. Nur, Felix Savon ist kein Profi, er wird wohl auch keiner mehr werden. Felix Savon ist Botschafter, einer der letzten Botschafter im Trainingsanzug.

Und nun wird wohl Fidel Castro kommen. Versprochen hat es der alte Lider, schließlich ist er sozusagen Savons oberster Auftraggeber. Denn Kubas Sportler sind die letzten bei Olympia, die vor allem ideologisch sporteln. Aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, aus dem früher zwölf Boxer am Turnier teilnahmen, reist nun fast eine Hundertschaft an - für Aserbaidschan, Weißrussland, Russland, die Ukraine und so weiter. Nord- und Südkorea treten hier fast wiedervereint auf, China will 2008 in Peking Olympiaveranstalter sein, hält sich demnach propagandistisch sehr zurück, und Vietnam findet im Sport nicht statt. Nur Kuba, und da vor allem die Boxer, künden noch von Kraft und Herrlichkeit des Sozialismus. "Felix Savon", sagt José Ramon Fernandez, Kubas Vizepräsident und Chef des Olympiakomitees, "ist das Vermögen Kubas."

Möglicherweise war auch das der Grund, warum Evander Holyfield, der schwergewichtige Profi-Weltmeister, in der Halle war und eigens vor dem Kampf zu Bennett in die Kabine ging und ihm Mut zusprach. Gegen Kuba verliert Amerika nun mal nicht so gerne. Holyfield rutschte dann zu Beginn des Kampfes auch furchtbar nervös auf seinem Stuhl am Ring hin und her. Das legte sich aber schnell, auch Evander Holyfield wird die Vergeblichkeit der Bemühungen von Michael Bennett erkannt haben.

Und Savon ist nicht allein. "Das Alptraum-Team" schrieb der "Spiegel" schon 1992, als das Dreamteam der amerikanischen Basketballer bei den Zuschauern Freude und Fidels starke Garde bei den Konkurrenten Angst und Schrecken verbreitete. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Kurz vor Savons beeindruckendem Vortrag war auch schon sein Landsmann und Sportsfreund Mario Kindelan in den Ring geklettert und hatte den bedauernswerten Griechen Ouzilan Tigkran verdroschen. Nach etwas mehr als einer Minute saß Ouzilan auf dem Hosenboden, rappelte sich noch einmal auf, kämpfte aber fortan arg behindert. Kindelan, obwohl nur knapp 60 Kilo schwer, hatte mit einer Wucht zugelangt, dass Ouzilan Tigkrans rechte Augenbraue aufgeplatzt war. Und die anderen aus der Staffel sind nicht schlechter, Kuba beherrscht den Amateur-Boxsport wie die Amerikaner das Profigeschäft beherrschen.

"Nie werde ich für Geld boxen, Profis sind schlecht für den Weltfrieden." Felix Savon sagt gerne solche Sachen: "Profiboxen ist ein sehr schmutziger Sport", oder "Geld passt nicht zur Ehre des Sportlers, er kämpft für seine Heimat. Wer es für Geld macht, verliert seine Würde". Neu sind diese Sprüche nicht. Vor Felix Savon hatte sie Teofilo Stevenson gerne vorgetragen, der Star der Amateurszene in den siebziger Jahren. Dem hat er nachgeeifert, in allen Belangen. Wenn auch noch nicht ganz erreicht. Stevenson ist bis heute der einzige Schwergewichts-Boxer, der drei Goldmedaillen gewann.

Und nun erfüllt Felix Savon den Staatsauftrag bereits seit über einem Jahrzehnt. Gut ausgewählt wurde er, nachdem er als Bewegungstalent in der Provinz entdeckt worden war. Erst sollte er Leichtathlet werden, dann Basketballer, anschließend wurde er im Volleyball geprüft, auch noch als Ruderer. Schließlich delegierte man Savon zum Boxen, und als er seinen ersten Gegner niederschlug und der eine Viertelstunde lang liegen blieb, war er doch sehr erschrocken. Die Skrupel legten sich schnell, er hat dann auch mal Kämpfe nach 13 Sekunden beendet, wie die Computer-Biografie genüsslich berichtet, "zehn Sekunden gingen fürs Zählen des Ringrichters drauf". Der arme Rasmus Ojemaye aus Nigeria, der vor Bennett gegen Savon, boxen musste, wird davon und von der internationalen Solidarität auch nichts verspürt haben, als ihm Savon die Fäuste an den Kopf knallte, bis die neue Gnadenregel, die einen Kampf beendet, wenn ein Gegner 15 Punkte Vorsprung hat, ihn vor weiterer Prügel bewahrte.

Es ist diese Fähigkeit zum Schlagen und ein Aussehen und Auftreten, das für einen ordentlichen Schlag bei Frauen sorgte, was die Boxwelt seit zehn Jahren an Felix Savon fasziniert und Promoter das große Geschäft wittern ließ. Alle blitzten ab.

Doch nachgelassen hat das westliche Interesse an ihm nicht. Immer noch wird Savon gejagt, unter anderem vom dubiosen Don King, der ihn schon an Flughäfen abpasste und in Hotelhallen. Vergeblich. Jüngsten Anfragen, für viele Millionen Dollar doch noch einmal in Amerika in den Ring zu steigen, erteilte er hier in Sydney bei einem seiner wenigen öffentlichen Statements schon mal eine deutliche Absage. Er müsse wieder nach Hause, schließlich habe er seinen Kindern diese Tennisschuhe versprochen, die beim Gehen leuchten.

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