Sport : Könige für einen Tag

WETTKAMPF DES TAGES Vor London drohte dem Modernen Fünfkampf das Olympia-Aus – dabei war er für IOC-Gründer Pierre de Coubertin der Höhepunkt der Spiele.

Erik Eggers[London]
Die Klepper-Lotterie. Beim Springreiten werden die Pferde zugelost – für Lena Schöneborn kann sich hier viel entscheiden. Foto: AFP
Die Klepper-Lotterie. Beim Springreiten werden die Pferde zugelost – für Lena Schöneborn kann sich hier viel entscheiden. Foto:...Foto: AFP

Ein großes Gewimmel ist es in der Copper-Box, unübersichtlich, ein buntes Durcheinander. Ein Ameisenhaufen aus Fechtern. Auf 16 Planchen kreuzen sie die Klinge, überall schreien die Fechter nach dem entscheidenden Stich. Hinter den Banden stehen die Trainer, rufen hinein, und wenn ein britischer Fechter einen Treffer setzt, johlen die Fans auf der Tribüne.

Jeder gegen jeden, der erste Stich entscheidet, das ist der Modus, macht bei 36 Teilnehmern insgesamt 35 Gefechte. Am Ende dieses Marathonfechtens, das rund drei Stunden dauert, sitzen die vielen Athleten schlaff auf Plastikstühlen. Steffen Gebhardt, der Mann von der DJK-SSG Bensheim, hat sich die Fechtjacke nach dem letzten Gefecht aufgerissen, er sieht müde aus. Aber das ist ja erst der Anfang im Modernen Fünfkampf, diesem Mehrkampf, der als olympischer Sport schlechthin gilt. Nach den Männern am Samstag gehen heute die Berlinerinnen Annika Schleu und Lena Schöneborn, die Olympiasiegerin von Peking 2008, an den Start.

Kein anderer Sport verlangt so vielfältige Talente. Nach dem Fechten geht es hinüber ins Aquatic Center. Hier stehen 200 Meter Freistil-Schwimmen auf dem Programm. Eine Sportart, die in zwei Minuten vorüber ist, aber völlig andere Trainingsmethoden verlangt. In der dritten Sportart brauchen die Athleten auch etwas Glück. Denn beim Reiten werden ihnen die Pferde zugelost. Wer einen Klepper aus der Lostrommel zieht, der muss seine Medaillenträume begraben. Es gab Reitveranstaltungen, die sich zu einer Farce entwickelten, weil der Veranstalter schlecht ausgebildete Pferde zur Verfügung stellte.

Den Abschluss bildet, zehn Stunden nach dem Start beim Fechten, das sogenannte „Combined“. Eine Kombination aus Laufen und Pistolenschießen. Eine Art Sommerbiathlon mit Laserpistole, nur ohne Skiroller. Der Athlet mit der höchsten Punktzahl aus den drei vorangegangen Sportarten startet zuerst, wer zuerst im Ziel ist, hat gewonnen. „Combined“ wird das erste Mal bei Olympischen Spielen aufgeführt. Vor 2009 war stets das Schießen erste Disziplin, den Abschluss bildete der Geländelauf. „Combined“ war die Antwort auf Forderungen seitens des IOC, den Sport attraktiver und mediengerechter zu machen.

Schöneborn ist eine perfekte Werbebotschafterin für ihre Sportart. „Sie ist eine hochintelligente Dame, die sich in Szene zu setzen weiß”, hatte sie Klaus Schormann, seit 1993 Präsident des Fünfkampf-Weltverbandes UIMP, schon in Peking gelobt. Dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) damals in Erwägung zog, den Modernen Fünfkampf aus dem Programm zu streichen, verärgerte den Mann aus Darmstadt. „Ein besonderer Sport“ sei doch der Mehrkampf, so Schormann. „Ein Sport mit einer Wertigkeit von Rolls Royce oder Rolex.“

Als es 2009 um die Frage der Streichung ging, zog Schormann seinen größten Trumpf: Pierre de Coubertin. Der Baron ist der Schöpfer der modernen Olympischen Spiele und auch der Erfinder des Modernen Fünfkampfs. Laut Coubertin stellt der 1912 eingeführte Mehrkampf „eine wahre Weihe für den vollkommenen Athleten“ dar. Der Gedanke vor einem Jahrhundert war allerdings, und damit lässt sich heute nur eingeschränkt werben, militärischen Ursprungs. Nämlich eine „sportliche Allegorie eines kriegerischen Botenganges zu Pferd, im Wasser und an Land“, wie der Kölner Sporthistoriker Ansgar Molzberger urteilt.

Wenn Lena Schöneborn ihren Wettkampf bestreitet, assoziiert man das nicht mit dem Militär. Aber im Gegensatz zu den vielen Veranstaltungen in London, die ausverkauft waren und eine großartige Kulisse besaßen, scheinen die Briten dem Modernen Fünfkampf nicht viel abgewinnen zu können. Als die Männer am Samstagnachmittag ihren besten Schwimmer ermittelten, war das Aquatic Center fast leer. Ein ungewohntes Bild. Und für Lena Schöneborn unverständlich. „Es ist ein Sport, der Kraft, Ausdauer, Konzentration, Koordination, Präzision und Geschick mit der Waffe erfordert“, sagt sie. „Der Moderne Fünfkampf ist doch der Olympische Sport schlechthin.“

Um den Sport attraktiver zu machen, wird nun gleichzeitig gelaufen und geschossen

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