Sport : Königin der Löwen

Schwimmtrainerin Ludewig ist kompetent und streitlustig – nun betreut sie Sandra Völker

Frank Bachner

Berlin. Manchmal sagt Ralf Braun „Sie“, wenn er mit Beate Ludewig redet. „Unbewusst natürlich.“ Natürlich. Alles andere wäre ja albern. Braun ist jetzt 31, er duzt Beate Ludewig seit 1991. Es gibt auch „keine bestimmten Situationen, in denen das passiert“. Aber dass ihm dieses „Sie“ überhaupt rausrutscht, das hat seinen Sinn, sagt Braun. „Das ist ein Zeichen meines Respekts für sie.“ Braun kennt Beate Ludewig seit 1984. Damals kam er als elfjähriges Talent zu der Schwimm-Trainerin. Und damals hatte Braun den Respekt des Kindes gegenüber der Erwachsenen. Ein paar Jahre später hatte er Respekt vor dem Menschen Ludewig. Das gilt bis heute. „Sie hat eine unheimlich gute Art, mit Leuten umzugehen. Sie sieht nie bloß den Sportler, sondern auch die Person“, sagt Braun. „Und sie hat diese Mischung aus Menschlichkeit und fachlichem Können.“ Unter Ludewig wurde Braun 1998 Vize-Weltmeister und 1999 Europameister, jeweils über 200 m Rücken.

In Essen sitzt Horst Melzer in der Schwimmhalle und sagt: „Sie ist eine hervorragende Fachkraft. Und sie kann sich ausgezeichnet auf Problemfälle einstellen.“ Beate Ludewig, sagt der Trainer des Weltklasse-Brustschwimmers Mark Warnecke, „ist mit ihren Qualitäten die richtige Frau für Sandra Völker“. Weltklasse-Schwimmerin Völker kann sich keinen Fehlgriff mehr erlauben. Im August sind die Olympischen Spiele, und Völker hat zum zweiten Mal in sechs Monaten ihren Trainer gewechselt. Seit Montag trainiert sie in Berlin bei Ludewig. Die 51-Jährige hat ihr gesagt, dass sie höchstens die Chance auf Gold mit der 4-x-100-m-Freistil-Staffel hat. „Einzel-Gold ist ausgeschlossen. Wir sind doch nicht bei ,Wünsch Dir was’.“ Ein typischer Ludewig-Satz.

Völker ist weniger ein Problemfall. Stev Theloke schon eher. Der Olympia-Dritte von 2000 über 100 m Rücken ist seit einiger Zeit auch bei Ludewig. Vergangenes Jahr hatte er sich nach heftigem Streit von seiner langjährigen Trainerin Ute Schinkitz getrennt. Ludewig nahm ihn auf. Theloke fühlt sich rundum wohl. „Und Ralf Braun war ja auch kein einfacher Mensch“, sagt Melzer. Braun war ein extrem eleganter Schwimmer, aber er war auch ein Partygänger. Ludewig verschärfte das Training, wenn Braun mit einer Alkoholfahne ins Wasser ging. Aber sie erweckte nie den Eindruck, als wäre das ein Straftraining. „Andere Trainer hätten mich demonstrativ zur Strafe zehn Bahnen zusätzlich schwimmen lassen“, sagt Braun. Ludewig schickte ihn nach Hause, wenn er krank war. „Ich habe Trainer erlebt, die ließen einen erst gehen, wenn man den Kopf unter dem Arm trug“, sagt Braun. Und ohne seine Trainerin hätte er wohl sein Studium der Wirtschafts-Kommunikation abgebrochen. Ludewig sorgte dafür, dass er nicht aufgab.

Ludewig sagt: „Die Sportler wissen, dass ich wie eine Löwin für sie kämpfe.“ Aber zu einem Kampf gehören Gegner. Beate Ludewig sammelte einige im Lauf der Jahre. Sie legte sich vor den Olympischen Spielen 2000 mit Funktionären des Deutschen Schwimmverbands an, weil die sich weigerten, einen Psychologen mit nach Sydney zu nehmen, erzählt Braun. Er war noch dabei in Sydney. Er hat miterlebt, wie seine Trainerin die aufgelöste Franziska van Almsick tröstete, die an ihren eigenen Erwartungen und unter dem Druck der Öffentlichkeit zerbrach. Und sie legte sich mit Mitarbeitern des Olympiastützpunktes Berlin und der Schwimmhalle an der Landsberger Allee an. „Sie ist in der Anwendung ihrer verbalen Mittel nicht immer geschickt“, sagt Melzer. Ludewig ist das egal, solange sie sich im Recht fühlt. Aber der Streit mit dem Olympiastützpunkt führte zu ihrer Kündigung als Trainerin und zu einer Serie von Arbeitsgerichts-Prozessen, die sie verlor. „Im Moment lebe ich davon, dass ich Kindern Schwimm-Unterricht gebe“, sagt Ludewig. Von ihren Sportlern verlangt sie nichts. „Das ist Ehrensache“, sagt sie.

Ihr Einsatz für Ralf Brauns berufliche Zukunft hat sich auf jeden Fall gelohnt. Der Vize-Weltmeister ist heute Diplom-Kommunikationswirt.

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