Sport : Köpenick kommuniziert

Die Mantelträger reden böse übereinander, an Bierbuden werden Unterschriften gesammelt: Der 1. FC Union sucht einen Präsidenten

André Görke

Berlin. Die Mantelträger saßen am Freitagabend in einer Reihe, aber sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Am Gang saß – wie immer – Heiner Bertram, der Präsident des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union, zwölf Plastikschalen weiter Uwe Rade, der Chef des Aufsichtsrates. So saßen sie neunzig Minuten im Stadion an der Alten Försterei, als Union im Freundschaftsspiel gegen Werder Bremen antrat. In der Halbzeitpause äußerte sich Rade zum ersten Mal: Man habe mit Herrn Bertram reden wollen, „aber eine Partei“ habe das konsequent abgelehnt. Damit war Bertram gemeint, dem Rade exakt 24 Stunden zuvor mitgeteilt hatte, dass ihn der Aufsichtsrat einstimmig vom Posten des Präsidenten befreit habe. „Es geht nicht um Bertram“, sagte Rade. „Es geht um das Wohl des Vereins.“

So oder so, beim 1. FC Union, dem Tabellenletzten der Liga, wird ein Machtkampf geführt, der von Emotionen geleitet wird. Das Aufsichtsratsmitglied Jürgen Dubois ließ sich jetzt in der „Bild“-Zeitung mit den Worten zitieren, Bertram benehme sich „wie ein bockiges Kind“. Der Präsident polterte zurück: „Die Herrschaften spielen doch mit Union!“

Trotz der Emotionen ist die derzeitige Lage übersichtlich. Am Montagmorgen wird der Aufsichtsrat einen neuen Präsidenten vorstellen: Jürgen Schlebrowski, 54 Jahre alt. Der teilte gestern mit, dass er bereit stehe. Schlebrowski saß bis vor zwei Jahren im Aufsichtsrat des 1. FC Union. Er gilt als kompetent und klug, er hat viele Jahre im Management der Firma Nike gearbeitet. Ein moderner Präsident soll er sein, auch eine Art Manager. So einen hat Bertram bislang nicht neben sich geduldet. Der Aufsichtsrat wird am Montag verkünden, dass „wir hinter dem Trainer Mirko Votava stehen“. Das hat Rade schon am Freitagabend gesagt. Votava wollte die Debatte „nicht kommentieren“. Er sagte nur: „Hauptsache, das alles ist schnell vom Tisch und es geht wieder um die Mannschaft.“

Bertram, der gemäß Satzung bis Sonntag, 19 Uhr, im Amt ist, versucht derweil, die Fans zu mobilisieren, die nach seiner Aussage „hinter mir stehen“. So wurden am Freitag Unterschriftenlisten an den Bierbuden ausgelegt, deren Unterzeichner eine „sofortige außerordentliche Mitgliederversammlung“ einberufen wollen. 950 Vereinsmitglieder müssen unterschreiben, also ein Viertel aller Mitglieder des 1. FC Union. Beide Parteien kämen bei einer solchen Versammlung zu Wort, im Anschluss würde über „Bestätigung“ oder „Abberufung“ des Aufsichtsrates abgestimmt. Wenn sich zwei Drittel gegen den Aufsichtsrat aussprechen, muss ein neuer installiert werden. Bertram kündigte prompt an, dass das kein Problem sei. Nur: Der Aufsichtsrat, der den Präsidenten eigentlich kontrollieren soll, wäre dann sein Aufsichtsrat.

Das waren die bisherigen sieben Mitglieder im Prinzip auch. Sogar Andreas Freese, der von den Fans bestimmte Vertreter im Aufsichtsrat. Sie alle wurden in der sechsjährigen Amtszeit vom Präsidenten installiert. Dass jetzt alle sieben gegen Bertram stimmten, auch der Fanvertreter, „zeigt doch schon etwas“, sagt Rade. Der Aufsichtsrat will sich bis Montag zurückhalten. Klar ist wohl, dass sich der neue Präsident nicht mehr für den Stadionneubau einsetzen wird. Das sei illusorisch. Es war Bertrams Lieblingsprojekt.

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