Sport : Körbe nach Vorschrift

Jovo Stanojevic ist Albas beständigster Spieler – doch ihm fehlen Emotionen

Helen Ruwald

Berlin. Wenn der Trainer seinen Spieler Jovo Stanojevic beschreibt, spricht er von einem „netten Mann, der einen guten Charakter hat. Er ist fair und korrekt“. Wohlklingende Worte, die nicht unproblematisch sind: Emir Mutapcic ist kein Tanzlehrer, der sich über die guten Manieren seines übers Parkett schwebenden Jünglings freut. Er ist Basketballcoach des Deutschen Meisters Alba Berlin, und Stanojevic ist Center, sein Platz ist direkt unter dem Korb, da, wo kräftige Mannsbilder um den Ball kämpfen. Nicht, dass Mutapcic sich einen Rüpel unter dem Korb wünscht, aber „er muss mit mehr Feuer spielen und Emotionen zeigen“. Um das Publikum und das eigene Team mitzureißen. Als der Trainer erzählt, wie fair der 25-Jährige ist, macht er einen Ellenbogenstoß in die Luft. Mehr Action, bitte!

Dann, so ist herauszuhören, kann der 25-Jährige aus Serbien-Montenegro noch wichtiger für Alba werden. Zu Saisonbeginn kam er von Partizan Belgrad nach Berlin, als wertvollster Spieler der jugoslawischen Liga. Im Oktober noch sah Mutapcic den 2,07 Meter langen Center als „Talent“, nun spricht er von „einem Leistungsträger, er hat bisher auf gutem Niveau gespielt“. Das ist leicht untertrieben, Stanojevic ist Albas beständigster Spieler, gestoppt hat ihn nur zwischenzeitlich eine Knieverletzung.

399 Punkte hat Stanojevic in der Bundesliga für Alba erzielt, 17,3 pro Spiel. Damit liegt er in der Liga wie auch bei den Rebounds auf Position neun. Bei den Zweipunktwürfen ist er sogar auf Position vier notiert. Im letzten Spiel, am Sonntag beim Mitteldeutschen BC in Leipzig, konnten ihn drei Gegenspieler nicht stoppen. Stanojevic machte 23 Punkte, traf neun von elf Zweipunktwürfen.

Oft wundert man sich, wenn der Hallensprecher in der Max-Schmeling-Halle nach einem Spiel die Statistik verliest. Stanojevic 15 Punkte, heißt es dann. Oder 20. Der Zuschauer fragt sich, wann der Center wohl all diese Zähler gemacht haben mag. Er spielt so unauffällig und unspektakulär, dass seine Punkte oft gar nicht auffallen. Dabei liebt er das Spiel unter dem Korb. „Ich mag den Körperkontakt“, sagt er und breitet die Arme so weit aus, als sei er nicht einfach nur durchtrainiert, sondern ein Koloss, „ich wiege 116 Kilo.“ Seine Lieblingsposition im Rempel-Zentrum wird er künftig ab und an verlassen müssen. Mutapcic will ihn mehr auf der Position vier, weiter weg vom Korb, einsetzen, „die Entwicklung im Basketball geht dahin, dass ein Center beides spielen kann“.

Stanojevic weiß genau,was ihm fehlt: „Ich mache einen Dunk und sonst nichts.“ Keine Freudensprünge, keine geballten Fäuste zum Publikum, „wenn ich mehr Temperament zeige, ist das ein Ansporn für das ganze Team“ – und eben nicht nur Korbdienst nach Vorschrift. Stanojevic hat sich bei Alba gut entwickelt, aber zufrieden mit sich ist er nicht. „Man kann jedesmal noch besser spielen, man muss Tag für Tag weiter lernen“, sagt er, und es klingt so, als würde er nach diesen hehren Grundsätzen tatsächlich leben. Er ist pflegeleicht, zu pflegeleicht vielleicht, vor allem im Gegensatz zu seinem Vorgänger Dejan Koturovic, der einst eigenmächtig seinen Urlaub verlängerte und sich so manche Eskapaden leistete.

Den Kollegen ruft er nach dem Training gut gelaunt „tschüss“ hinterher, selbst seinem Landsmann Vladimir Petrovic – der ebenso antwortet. Die „zwölf Jungs bei Alba sind alle meine Freunde“, sagt er ganz ernst. Auch in der schwierigen Phase mit vielen Niederlagen sei das nicht anders gewesen, „jemand hat einen Fluch über uns geschickt, jede Woche hatten wir neue Verletzte“. Damit soll jetzt Schluss sein, im Spitzenspiel am Sonntag gegen Bamberg (14.55 Uhr, Schmeling-Halle, live im DSF), will er „Revanche nehmen“ für die Niederlage im Hinspiel. Mit einem Sieg geht Alba mindestens als Zweiter in die Play-offs. Verliert Bonn gleichzeitig in Trier, beenden die Berliner die Punkterunde sogar als Tabellenführer. In den Play-offs soll es erst richtig losgehen. „Ich bin hier, um Meister zu werden, und wenn möglich auch Pokalsieger“, sagt Stanojevic.

Das Viertelfinale will er in drei Spielen hinter sich bringen, an den Tagen, für die ein viertes und fünftes Match angesetzt ist, hat er Besseres vor: Am 15. Mai ist der voraussichtliche Geburtstermin seines Sohnes. „Ich bin aufgeregt“, sagt Stanojevic und erzählt von den Ultraschallbildern. Da ist er wieder, der nette Mann mit gutem Charakter.

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