Sport : Körper ohne Kontrolle

Albas Matej Mamic kämpft nach seinem Unfall um sein Comeback – doch es wird immer unwahrscheinlicher

Helen Ruwald

Berlin - Hinten links steht Matej Mamic, im neuen gelben Trikot mit der Nummer sechs, seiner Nummer sechs. Auch vor einem Jahr stand der kroatische Basketballprofi auf dem Mannschaftsfoto von Alba Berlin hinten links, damals noch im blauen Hemd. Auf dem Bild gehört Matej Mamic zum Team wie jeder andere auch, nur spielen kann er nicht, und ob der 31-Jährige das Trikot von Alba außer zum Fotoshooting überhaupt noch einmal tragen wird, weiß er nicht. Am 26. November 2005 hatte er sich im Bundesligaspiel gegen Trier eine schwere Rückenmarksverletzung zugezogen. Kurzzeitig war er vollständig gelähmt.

Erst verblüffte Mamic selbst die Ärzte mit seinen schnellen Fortschritten. Er war überzeugt, dass er in der am 1. Oktober beginnenden Saison wieder für Alba würde spielen können. Doch neuneinhalb Monate nach dem Unfall sagt Andreas Niedeggen, der Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarksverletzte im Unfallkrankenhaus Berlin: „Zu 20 Prozent wird er ein Comeback schaffen. Es werden auf jeden Fall Defizite in der Koordination bleiben. Das weiß Mamic auch. Ich erlebe ihn nicht mehr so optimistisch wie in der Anfangszeit.“

Dennoch hat er bei Alba kurz vor Saisonende im Mai, als seine Zukunft noch völlig offen war, ganz im Stillen einen neuen Einjahresvertrag unterschrieben. Der ist nicht an Einsätze gekoppelt. Der Klub verzichtete auf die Bekanntgabe der Vertragsverlängerung: Sie hätten kein soziales Engagement zeigen wollen, sondern „Mamic einen Hafen geben“, von dem aus er um sein Comeback kämpfen könne, sagt Marco Baldi, der Geschäftsführer der Alba Berlin GmbH, zu der ungewöhnlichen Maßnahme. Mamic, der 2004 nach Berlin kam, war bis zu seinem Unfall Albas Kapitän, kämpferisches Vorbild und Publikumsliebling. Das Verhältnis zwischen ihm und Alba war schnell mehr als ein geschäftliches, es ist geprägt von Herzlichkeit und Hochachtung.

So abgesichert, wendet Mamic alle Energie auf, um tatsächlich aufs Spielfeld zurückzukehren. Vor allem die linke Körperhälfte bereitet ihm Schwierigkeiten. Als Sportler war es Mamic gewohnt seinen Körper zu beherrschen, doch nun muss er einsehen, dass vor allem bei schnellen Bewegungen „mein Kopf weiß, was zu tun ist, aber mein Körper nicht darauf hört“. Er habe „viele Probleme“, die er aber nicht im Einzelnen benennen will. Seine Schwächen im Detail öffentlich zu benennen, davor fürchtet er sich. Lieber sagt er scherzend: „Ich laufe wie eine Ente, nicht wie ein Mann.“ Wenn er ein ganzes Glas Bier trinke, schwanke er manchmal beim Gehen leicht – „jetzt trinke ich halt nur halbe Gläser oder Milchkaffee“. Würde er jetzt Basketball spielen, wäre er völlig überfordert damit, gleichzeitig Arme, Beine, Ball und Gegner zu kontrollieren. „Wenn dich ein 140-Kilo-Mann blocken will, musst du zehn Dinge gleichzeitig tun, ich kann nur eins“, erklärt Mamic scheinbar emotionslos. Anfangs sah er täglich Fortschritte, jetzt nur alle drei Monate. „Eine normale Entwicklung nach einer solchen Verletzung“, sagt Chefarzt Niedeggen.

Im Juni machte Mamic dann keinen Stillstand mehr aus – sondern einen Rückschritt. Als er beim Krafttraining immer mehr Gewichte draufpackte und besonders intensiv trainierte, war die Koordination plötzlich schlechter als zuvor. Er erzählte Niedeggen nichts davon, „sonst hätte er mich gestoppt“. Erst als beim Joggen vor der Max-Schmeling-Halle Schulter und Nacken schmerzten, wandte er sich an den Arzt. Das Rehaprogramm wurde geändert: mehr Koordinations- und Gleichgewichtsübungen, weniger Gewicht und Fitness.

An die drei Stunden sitzt Mamic täglich im Auto, um hin- und herzufahren zwischen seiner Wohnung im Grunewald, der Therapie im Unfallkrankenhaus in Marzahn, Einzeltraining in der Max-Schmeling-Halle oder dem Sport- und Rehazentrum Spandau und Deutschunterricht in Charlottenburg. Bis Januar gibt sich Mamic erst einmal Zeit, „dann sehe ich mal, wo ich stehe“. Unbegrenzt kann er den Comebackversuch ohnehin nicht fortsetzen: „Zwei Jahre nach einem solchen Unfall ist der Endstand erreicht“, sagt Niedeggen. Was sich dann nicht gebessert hat, wird sich nicht mehr bessern.

Zwangsläufig ist Mamics großer Optimismus Realismus gewichen. „Es wäre perfekt, wenn ich zurückkomme. Aber das Karriereende wäre nicht das Ende der Welt“, sagt er inzwischen. Er könnte in anderer Funktion bei Alba arbeiten oder für den kroatischen Verband. Seine Frau lebt mit den Kindern Bruno, Antonija und Mateja noch in Split, doch Matej Mamic sagt: „Ich glaube, ich bleibe bei Alba.“ Ob nun im gelben Trikot mit der Nummer sechs oder ohne.

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