KÖRPERKULT bei Olympia : „Heute geht es um die Vermarktung des Körpers“

Bei Olympia geht es nicht mehr nur um Leistung, sondern auch um die Präsentation von Körpern. Joachim Mrazek, Sportsoziologe an der Sporthochschule Köln, sieht darin einen gesellschaftlichen Trend.

Hat sich das Verhältnis der Menschen zu ihrem Körper verändert?

Es gibt seit einigen Jahrzehnten zwei parallele Tendenzen. Die Menschen wollen Trends folgen und sich abheben. Bis in die sechziger Jahre galt: Der liebe Gott hat mir einen Körper gegeben, mit dem muss ich leben. Damit geben sich viele nicht mehr zufrieden – sie pflegen und verändern ihren Körper bis hin zur Schönheitschirurgie.

Vereinheitlicht man seinen Körper damit nicht auch wieder?

Die Arbeit am Körper bedeutet auch, individuell zu sein. Man lebte früher gruppenorientiert, gottgefällig. Religion ist nicht mehr so wichtig. Die Erlösung wird nicht mehr im Jenseits erwartet, sie wird mit einem gesunden und trainierten Körper, den man der Natur abringt, ins Diesseits verlegt.

Was bedeutet das für Spitzensportler?

Früher ging es nur um Leistung. Sportler waren brav und uniformiert. Es gab wenige verschiedene Schuhe für alle Disziplinen. Heute hat fast jede Sportart ihre eigene Kleidung, individuell entwickelt und von Marketingexperten auf den Markt gebracht.

Was hat das mit Olympia zu tun?

Dort bekommen die Sportler Medienaufmerksamkeit, mit der sie Geld verdienen können. Es geht darum, ein positives Image aufzubauen, ihren Marktwert zu steigern.

Und wie bekommen sie ein solches Image?

Es geht um die Vermarktung des Körpers. Heute gibt es Trainer, Masseure, Mediziner, Manager. Die muss man auch bezahlen. Da Bestleistungen in vielen Disziplinen nur bis etwa 35 Jahre möglich sind, müssen die Sportler viel Geld in kurzer Zeit verdienen. Die Leistungsdichte ist sehr hoch, da muss man sich hervorheben.

Wie zum Beispiel?

Zum ersten Mal gibt es bei den Spielen in London auffällig viele Tattoos. Früher waren Sportler angepasste Leute. Tattoos hatten eher Punks. Das ist heute anders. Wer angepasst ist, fällt eben nicht auf.

Viele nackte Oberkörper sind also eine neuere Tendenz?

Das hat wahrscheinlich mit David Beckham begonnen. Viele Fußballer machen es, obwohl es mit Gelben Karten geahndet wird, aber es zeigt: Ich bin stark, aber nicht brav, ich will Respekt und Aufmerksamkeit.

Und wie geht es weiter?

Es geht nicht zuletzt um die Verpackung, die immer körperbetonter und spärlicher wird. Hauptsache man ist in den Medien. Da gibt es natürlich auch eine Kehrseite: Man muss den Spitzenerwartungen entsprechen. Wenn die Leistung nicht erbracht wird, fallen Fördergelder, Sponsoren und Werbeeinkünfte ganz schnell weg.

Das Gespräch führte Grit Thönnissen.

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