Sport : Kohlhaas und die Cola

Ein Sprinter geht vor Gericht, weil seine Brause mit einem Pilz kontaminiert war

Felix Wende

Bremen. Lars Figura fällt immer auf. Er ist zwei Meter groß. Er ist zweifacher Deutscher Meister über 400 Meter, 1997 wurde er Mitglied der Nationalmannschaft. Die Bestzeit von Lars Figura steht bei 45,93 Sekunden – in Deutschland gehört man damit bereits zur Spitze. Lars Figura kommt aus Bremen und startet für den VfL Wolfsburg, das Geld kommt immer pünktlich. Er ist akribisch. Am Computer rechnet er immer aus, wie schnell er im nächsten Sommer wohl laufen wird. Meistens stimmt die Prognose. Eine Karriere wie am Reißbrett. Er ist 27, im besten Sprinter-Alter. Olympia winkt, in der Staffel geht immer was.

Doch neuerdings treibt den Bundestrainer die Sorge um, die Deutschen könnten für die 4x400-Meter-Staffel von Athen gar nicht erst eingeladen werden. Lars Figura fällt nämlich schon wieder auf, aber ganz anders als gedacht. Er rennt nur noch hinterher. 48,53 Sekunden in Rhede, 48 Komma irgendwas in Zeven, völlig indiskutabel. Junioren attackieren ihn, die Saison scheint gelaufen, ehe sie richtig angefangen hat.

Lars Figura sagt, er kennt den Grund. Dem Zwei-Meter-Hünen ist im Laufe der vergangenen Monate ein ganz schön großer Gegner erwachsen: Coca-Cola. Eine verschimmelte Brause, behauptet Figura, sei schuld daran, dass er über Wochen und Monate nicht trainieren konnte und sich fast nur noch auf der Toilette aufhielt. Das Unternehmen bedauert dies, bestreitet aber einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Cola-Genuss und Figura-Misere. Jetzt will der David von der Kunststoffbahn zum Gericht marschieren.

„Ich werde Coca-Cola auf Schadensersatz verklagen", sagt der Läufer. Vor Lars Figura auf dem Tisch liegt ein dicker Aktenordner mit Gutachten, Labor-Prüfberichten, Schriftverkehr. Man ahnt den Beginn einer modernen Michael-Kohlhaas-Geschichte.

Am 12. Oktober spielt der Leichtathlet Golf. Im Pro-Shop auf dem Vereinsgelände von Golf in Hude erwirbt er zwei Flaschen Coca-Cola. Am 16. Loch nimmt er zwei Schluck. Er verspürt einen „beißenden, pelzigen Geschmack", schraubt die Flasche zu und wirft sie weg. Er gewinnt das kleine Golfturnier, aber am Abend hat er ein mulmiges Gefühl. Er schaut sich die zweite Flasche genauer an. Kühl ist sie, Verfallsdatum 4.1.03. Doch in der Flasche schwimmt etwas, „das aussah wie eine Chipslette". Figura fotografiert die Cola und stellt sie in den Kühlschrank. Am nächsten Morgen hat er Ausschlag im Gesicht. Er bekommt Durchfall. Drei Tage später geht er zu seinem Hausarzt, der ihn seit 15 Jahren betreut. In den folgenden zehn Wochen „kam ich kaum vom Klo weg", sagt Figura. Sein Arzt erstellt ein Gutachten. Darin wird „der Verdacht auf eine Lebensmittelvergiftung durch die Aufnahme eines mit Schimmelpilzen kontaminierten Getränkes" geäußert. Ein Lebensmittel-Labor in Altenberge untersucht die noch vorhandene zweite Cola und entdeckt „eine Belastung mit Schimmelpilzen der Gattung Penicillium".

Lars Figura erzählt die Geschichte nur engen Vertrauten und später seinem Anwalt. Der Sechste der Hallen-WM von 2001 erträgt die fragenden Blicke, als diverse Leistungsdiagnostiken katastrophale Werte ans Tageslicht fördern oder als er bei den Deutschen Meisterschaften unterm Dach im Endlauf nur Letzter wird. Sein Gegner heißt schon lange Coca-Cola. Was ihn besonders zornig macht: Ganz am Anfang eines umfangreichen Schriftverkehrs schreibt ihm Coca-Cola, man habe alles gewissenhaft geprüft, die „Abfüllprotokolle der entsprechenden Produktionscharge" hätten aber eine „einwandfreie Produktion" bestätigt. Im letzten Schreiben aber heißt es, eine Herstellungsangabe für die nicht mehr vorhandene Packung sei gar nicht möglich. Figura rätselt: „Wie können die erst sagen, alles sei okay, und ein halbes Jahr später sagen sie, sie wissen nicht, wo die Cola abgefüllt wurde."

Es geht ihm, sagt er, weniger um Einnahmeverluste, weil Veranstalter ihn nicht mehr einladen, weil er keine Prämien mehr ersprintet. Es geht ihm, Kohlhaas lässt grüßen, ums Recht. Er will alles versuchen. Er hat eine gute Kondition. Seit 14 Semestern studiert er Jura. Später will er als Anwalt arbeiten.

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