Sport : Kollektive Amnesie

Beim 1:2 in Mönchengladbach vergessen die Bremer zur Pause alles, was sie vorher ausgezeichnet hat

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Am Ende ihres Arbeitstages traten die Fußballprofis des SV Werder Bremen in einen abstrusen internen Wettbewerb ein: Wer von ihnen würde den eigenen Auftritt wohl in den schönsten Worten loben können? Andreas Reinke, der Torhüter, vielleicht: „Wir haben Fußball gespielt, wie wir ihn selten gesehen haben?“ Oder Torsten Frings, der Renner aus dem Mittelfeld: „Besser kann man einfach kaum spielen?“ Oder doch Stürmer Ivan Klasnic, der gleich eine ganze Liste aufzählte: „Man hat gesehen, was für ein Potenzial in der Mannschaft steckt und dass sie sehr schön Fußball spielen kann?“ Und als er fast fertig war, sagte Klasnic noch: „Dass wir Gladbach an die Wand gespielt haben, kann man auch erwähnen.“ Im Prinzip hatten alle Bremer Recht, das Sonderbare allerdings war, dass sie das Spiel bei Borussia Mönchengladbach 1:2 verloren hatten.

Dass es so endete, ist eines der unerklärlichen Mysterien des Fußballspiels. „Ich weiß auch nicht“, sagte Ivan Klasnic, und Bremens Trainer Thomas Schaaf konnte nur auf die Statistik verweisen: „Es war wie so oft, wenn wir nach Gladbach kommen.“ Meistens verliert Werder, doch als die Mannschaften nach 45 Minuten in die Kabine gingen, deutete nichts auf einen solchen Ausgang hin. Die Zuschauer pfiffen wütend, Bremen führte 1:0 durch ein Kopfballtor des belgischen Außenverteidigers Jelle van Damme, doch diese zarte Führung dokumentierte nur sehr unzureichend, wie überlegen die Bremer aufgetreten waren und wie hilflos die Gladbacher deren surrendem Kombinationsspiel zu begegnen versuchten.

Als dann jedoch die zweite Halbzeit begann, hatte kollektive Amnesie den Borussia-Park ergriffen. Die 40 000 Zuschauer hatten vergessen, dass sie eigentlich sauer waren auf ihre Mannschaft. Die Gladbacher Spieler hatten vergessen, dass sie wieder einmal ohne Taktik und Konzept spielten, und die Bremer, dass auch ihr feines Kombinationsspiel ohne Bewegung und läuferischen Einsatz nicht funktioniert. Thomas Broich gelang knapp zehn Minuten nach der Pause der Ausgleich für die Gladbacher, und kurz darauf setzte Frank Baumann den Ball mit einem platzierten Schuss zum 1:2 ins eigene Tor. Es war der passende Punkt hinter den Auftritt der Bremer. „Wir haben uns selbst geschlagen“, sagte Torhüter Reinke.

Solche Entschlossenheit wie Baumann bei seinem Eigentor ließen Werders Stürmer auf der anderen Seite durchgehend vermissen. Stattdessen versuchten sie das Publikum durch Laszivität vor dem Tor zu betören so wie Johan Micoud, der den Ball frei vor Gladbachs Torhüter aufs Tornetz lupfte. „Wir haben vielleicht schon gedacht, wir könnten die verarschen“, sagte Torsten Frings. Nach zehn Minuten hätte Werder 3:0 in Führung liegen können. Doch mit der schludrigen Chancenverwertung aber „haben wir die Gladbacher am Leben gehalten“, klagte Torhüter Reinke. „Das war ja auch nicht das erste Spiel, in dem wir zwei, drei Chancen verdonnern.“

Nach der Niederlage deuteten sich erste Risse im Team der Bremer an. Stürmer Ivan Klasnic konterte Reinkes Vorwurf: „Man kann nicht sagen: Die Stürmer haben verloren. Da waren auch noch andere.“ Und Torsten Frings beschuldigte einige Kollegen, dass sie vor dem Spiel in Mönchengladbach schon durchgedreht seien: „Die reden von Sachen, die erst in einem Jahr so weit sind.“ Von der Meisterschaft zum Beispiel. Mit nun fünf Punkten Rückstand auf den Tabellenführer Bayern München nach lediglich sechs Spieltagen wirkt dieses Ziel in der Tat ein wenig aufgesetzt. „Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht“, sagte Trainer Schaaf. „Aber wir müssen immer aufpassen, dass wir uns nicht selbst überholen.“

Die Warnung ist nicht unbegründet, weil die Bremer in dieser Hinsicht latent gefährdet sind. Werder spielt einen Fußball fürs Gemüt – im Guten wie im Schlechten. In seinen besten Momenten ist er von geradezu irrationaler Schönheit; allerdings besteht auch immer die Gefahr, dass sich die Bremer, wie in Mönchengladbach, zu sehr an der eigenen Schönheit berauschen. Der Bremer Stil ist damit der Gegenentwurf zum kopfgesteuerten Spiel der Bayern, das den Bremern Vorbild und Schrecken zugleich ist. Ivan Klasnic wurde am Dienstagabend auf das beeindruckende Offensivspiel der Bayern angesprochen. „Die haben jetzt dreimal hintereinander 1:0 gewonnen“, antwortete er. „Das ist nicht beeindruckend. Das ist höchstens clever.“

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