Sport : Kollektive Depression in Samoa (Glosse)

Benedikt Voigt

Wer hat gesagt, dass Deutschland bei der Auslosung der Qualifikationsgruppen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002 eine schwere Gruppe erwischte? Das kann nur jemand gewesen sein, der die Welt immer noch aus eurozentristischen Augen anblickt. Denn Sumo-Champion Konishiki fummelte in Tokio nicht nur Deutschland, England oder Finnland aus dem Lostopf. Nein, die Finger des Ringers brachten Papierstreifen ins Scheinwerferlicht, die am anderen Ende der Welt ein ganzes Volk gemeinsam aufstöhnen ließen. Zum Beispiel die Samoaner.

Diese WM-Auslosung stößt Samoa, das bis 1997 noch West-Samoa hieß, in eine noch tiefere Depression. Schon vor der Ziehung von Tokio litten die 224 000 Bewohner des kleinen Inselstaates im Südpazifik an einer großen Angst vor dem neuen Jahrtausend. Dieses fängt in Samoa besonders schlecht an. Zunächst nämlich überhaupt nicht, weil die Datumsgrenze nur wenige Kilometer westlich von Samoa verläuft. Während also die Nachbarn auf den Fidschi-Inseln und Tonga in der Neujahrsnacht ihr Silvesterfeuerwerk längst abgefackelt haben und auch der letzte Schluck Alkohol ausgetrunken ist, wird der Samoaner noch selig im alten Jahrtausend schlummern. Noch schlimmer: Wenn alle Völker der Erde das Jahr 2000 schon begrüßt haben, wartet Samoa immer noch auf seine Millenniumsfeier. Das Land hängt der ganzen Welt hinterher - wer würde da nicht traurig werden?

Nun meinten es schon diejenigen, die die Erdkugel in Zeitzonen einteilten, nicht gut mit dem kleinen Volk am anderen Ende der Welt. Und dann zieht dieser Konishiki (Wo kommt der eigentlich her?) diese unerträgliche Qualifikationsgruppe. Dass Australien dabei ist, dürfte die samoanische Fußball-Auswahl noch gelassen nehmen - ein sportlich dicker Brocken musste ja dabeisein, und an eine erfolgreiche Qualifikation für die Weltmeisterschaft glauben auch nur die Samoaner, die ein bisschen zu viel Südsee-Sonne abgekriegt haben. Aber dann, die Fidschi-Inseln und Tonga! Da war doch was? Genau, die Ruhestörer, die Feuerwerkskörper durch den Südpazifik ballern dürfen, während Samoa friedlich in den 31. Dezember hineinschläft. Das fördert natürlich nicht die Freundschaft zwischen diesen Ländern. Das weiß jeder, der schon mal in der Nacht durch Lärm aufgeweckt wurde.

Aber das schlimmste Los zog Konishiki zum Schluss: Amerikanisch-Samoa, ausgerechnet Amerikanisch-Samoa. Der kleinere Bruderstaat, von dem sich West-Samoa schon 1900 trennte. Samoa gegen Amerikanisch-Samoa, das ist ein Duell, das den Polynesiern von der Zunge geht wie dem Europäer Deutschland gegen England. Ein ganzes Jahrhundert lang ist die Rivalität zwischen beiden Ländern gewachsen, beide Fußballteams sind ungefähr gleich, ähh, gut. Polynesiens "tm3" hat sich die Rechte schon gesichert. Selbst die Terminfindung ist einfach: Samoa und Amerikanisch-Samoa haben dasselbe Datum.

Hoppla, da fällt uns ein Tipp ein für die Spiele gegen Fidschi und Tonga. Wie wäre es, lieber samoanischer Fußballverband, wenn du die Auswärtsspiele auf den 1. Januar legtest? Die Verfassung der Kicker von den Fidschi-Inseln nach einer durchzechten Millenniums-Nacht kann man sich ja vorstellen. Deine Fußballer jedoch sind ausgeschlafen, gewinnen und fahren dann die paar Kilometer nach Hause. Zurück in den 31. Dezember. Das wird eine Feier: Erst muss der Sieg begossen werden, dann das Millenium begrüßt, und schließlich darf auch der Nationalfeiertag von Samoa nicht vergessen werden. Der fällt, Zufälle gibts, auf den 1. Januar! Welcher Samoaner will da noch traurig sein?

0 Kommentare

Neuester Kommentar