Kolumme : Marcel Reif: Alles Fake bei den Holländern?

An dieser Stelle schreiben Marcel Reif, Mirko Slomka, Fredi Bobic, Nadine Angerer und Lars Ricken im Wechsel. Marcel Reif fragt sich, ob es sich bei dieser EM um die echten Niederländer handelt.

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Der Fernsehreporter. Marcel Reif kommentiert für uns die Bundesliga.Foto: Premiere

Eine nette Anekdote vorweg: Gesichtet wurde eine kleine Gruppe Holländer, wie sie in einem Hotel das Spiel ihrer Elftal gegen Frankreich im Fernsehen verfolgte. Es waren ältere Herrschaften, die jüngste Dame der Runde dürfte die Siebzig erreicht haben. Aber jauchzen wie Teenager, das konnten sie, wenn ihre kleinen, orangenen Jungs flitzten, tricksten und entzückten. Schön, nicht wahr?
Es stellt sich nach diesem 4:1 gegen die Franzosen die schlichte Frage: Ist dieses Holland echt? Besonders, weil die Franzosen gestern hervorragend spielten und diesem Oranje dennoch nichts entgegen zu setzen hatten. Also noch einmal: Ist dieses Holland echt, oder ist es nur ein Fake, das Glück hat mit seinen Schüssen aus unmöglichen Winkeln? Robbens Treffer zum 3:1 muss nicht reingehen, der Ball muss auch nicht so fulminant ins Netz rauschen, nachdem Sneijder ihn zum 4:1 abschickte. Aber die Bälle waren drin, und wenn es Glück war, dann war es erarbeitetes Glück. Und oben auf der Tribüne sitzt Johann Cruyff, der Große, klatscht höflich und hat schmale Lippen.

Der Meister hatte ein wenig rumgemäkelt über die Arbeit seines Zöglings Marco van Basten, es wäre kein Fehler, wenn er nun einmal einen Irrtum zugeben würde. Denn es stimmt doch alles im Team. Es gibt keine inneren Reibereien mehr, und ob ein Spieler schwarze Hautfarbe hat oder weiße, wen kümmert es? Früher hatte diese Frage in den holländischen Mannschaften Gräben gerissen, die so groß waren, wie die Entfernung zwischen Surinam und Amsterdam. Die Selbstzufriedenheit ist auch weg, mit der die Holländer noch stets in ihrer Ästhetik festgeklemmt waren. Zeiten gab es, in denen ein Konter schon per definitionem als schmutziger Fußball galt, weil ein Konter ja bedeutet, dass die andere Mannschaft spielt. Heute lautet die Maxime, die Mannschaft soll das spielen, was ihre Spieler können. Und wenn es Tempogegenstöße sind, ja, warum nicht? Und wenn es Kabinettstücken sind, wie van Nistelrooys Tänzchen an der Seitenlinie? Ja, warum nicht, was einst gut war, darf ruhig bewahrt bleiben. Es muss nur einen Sinn machen.

3:0 gegen Italien, nun ja, die waren nicht gut, 4:1 gegen Frankreich, nun ja, die waren sehr gut, das macht wohl Sinn. Ich schätze mal, die Holländer haben ihren Frieden gemacht mit ihrem echten Team. Nicht nur die alten Damen im Hotel vor dem Fernseher. Johan, der Große, wird es wohl auch schaffen.

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