Kolumne Berliner Fußball : Hertha Zehlendorf: Der ewige Aufstiegskandidat

Hertha 03 Zehlendorf kann im Jugendbereich mit den ganz großen Klubs in und außerhalb Berlins mithalten – doch die Männermannschaft hinkt diesem Standard seit Jahrzehnten hinterher. Warum eigentlich?

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In der Wildnis des Berliner Amateurfußballs: Hertha 03 Zehlendorf gegen TeBe (weiße Trikots).
In der Wildnis des Berliner Amateurfußballs: Hertha 03 Zehlendorf gegen TeBe (weiße Trikots).Foto: No Dice

Vor ungefähr einem Monat habe ich Hertha 03 Zehlendorf zu Gast bei Tennis Borussia im Mommsenstadion gesehen. Als TeBe-Torjäger Michael Fuß seine Mannschaft mit einem tollen Tor in Führung brachte, waren die lila-weißen Fans natürlich begeistert. „Es ist umso schöner, weil Hertha Zehlendorf dieses Jahr schon wieder nicht aufsteigt!“ hat einer gelacht. Seit dem Jahr 2000 ist die „kleine Hertha“ in der Berlin-Liga (früher Verbandsliga) - nur der VfB Hermsdorf hat eine längere ununterbrochene Phase ohne Auf- oder Abstieg. Zwischen Hermsdorf und Hertha Zehlendorf gibt es aber einen große Unterschied: der Nordberliner Dorfverein ist mit dem Status Quo zufrieden und will nicht aufsteigen. Hertha 03 schon. Der alte Traditionsklub bestritt 1969 und 1970 Relegationsspiele zur Bundesliga und verpasste damals nur knapp den Aufstieg in die nationale Erstklassigkeit. Seitdem lebt Hertha 03 in der Wildnis des Berliner Amateurfußballs.

Heutzutage werden die Erfolge von Hertha Zehlendorf nur im Jugendbereich eingefahren und genau deswegen wird die Männermannschaft von Hertha 03 jeden Sommer aufs Neue als Aufstiegsfavorit bezeichnet. Wer die besten Jugendspieler Berlins hat, muss auch die beste Männermannschaft haben, oder?

Leider ist es nicht so einfach. „Von unserer A-Jugend haben wir nur zwei Spieler behalten können“, klagt Trainer Timo Szumnarski. Die A-Jugend sowie die B-Jugend spielen jeweils in der Regionalliga, der zweithöchsten Spielklasse, stiegen in der Vergangenheit auch schon öfter mal in die Bundesliga auf. Die Männer spielen dagegen in der Berlin-Liga – die sechste Klasse. Die begabten Jungs von Hertha 03 bekommen natürlich ständig Angebote von höherklassigen Klubs: Dennis Srbeny, Torschützenkönig in der 2012/13 NOFV A-Junioren Regionalliga, spielt jetzt bei Hansa Rostock II in der Oberliga. Tim Oschmann hat ein Tor bei seinem Debüt für Union II in der Regionalliga geschossen. Warum sollten sie bei Hertha 03 bleiben, wenn sie eindeutig das Zeug haben, weiter oben zu spielen? „Wir wollen in die Oberliga, um diese Spieler irgendwann halten zu können. Es ist schade, wenn wir so gute Jugendarbeit machen und die Männermannschaft davon nicht profitiert“, erklärt Szumnarski. „Den Jungs geht es nicht immer ums Geld. Aber junge Spieler haben Träume und die handeln bestimmt nicht davon, in der Berlin-Liga zu spielen.“

Im vergangenen Sommer musste Szumnarski eine neue Mannschaft zusammenstellen

Aha, Geld. Es gibt die weit verbreitete Annahme unter Berliner Fußballfans, dass Spieler nur zu Hertha 03 gehen weil sie ein paar Euro mehr verdienen können. Was denkt Szumnarski darüber? Er lacht ironisch. „Ich kann definitiv sagen, dass der Verein nicht mehr als andere Vereine in der Berlin-Liga zahlt. Das denken viele, es stimmt aber nicht.“ Im vergangenen Sommer macht er selbst die Erfahrung, wie schwer es auf dem Transfermarkt sein kann. Nach einer albtraumhaften Rückrunde in der vergangenen Saison (Hinrunde: 3. Platz, 30 Punkte; Rückrunde, 16. Platz, 19 Punkte – nur Absteiger Adlershof und Club Italia waren schlechter), musste Szumnarski eine ganz neue Mannschaft zusammenstellen. Auf der Suche nach neuen, talentierten Spielern musste er jedoch auf einige Wunschkandidaten verzichten, einfach weil andere Vereine mehr bezahlt haben. Auch seien einige von ihnen zwar „gute Jungs und gute Spieler“ gewesen, „aber charakterlich haben wir einfach gemerkt, dass das nicht die Typen sind, die zu uns passen.“

Trotzdem ist Szumnarski mit seiner neuen Truppe zufrieden: „Menschlich haben wir gute Leute geholt. Fußballerisch liegt noch ein bisschen Arbeit vor uns“. Die Zehlendorfer sind aber noch ungeschlagen und spielen am Sonntag gegen 1. FC Wilmersdorf. Szumnarski freut sich besonders auf dieses Südwestderby. „Wilmersdorf hat viele Jungs, die bei uns in Zehlendorf groß geworden sind, die allerdings nicht über die 2. A-Jugend hinausgekommen sind und den Verein verlassen haben. Die sind zu 130 Prozent motiviert und deswegen wird’s für uns ein sausauschweres Spiel.“ Wenn das nicht schon genug Spannung ist, gibt es noch mehr Rivalität: die Niroumand-Brüder Darius und Kian, Neffen von Hertha Zehlendorfs Präsident Kamyar Niroumand,  werden gegeneinander antreten. Und der Bruder von Zehlendorfs Co-Trainer Timo Steinert, Jannis, steht ebenfalls im Kader des 1. FC Wilmersdorf.

Bei einem Blick auf die Tabelle sieht es so aus, als ob der gehässige TeBe-Fan Recht behalten könnte. Mahlsdorf hat schon sechs Punkte mehr als Hertha 03 und macht einen dominanten Eindruck. Da es wie gewohnt nur einen Aufstiegsplatz gibt, können also alle schon anfangen zu lachen, wieder mal. Hertha 03 wird dieses Jahr wahrscheinlich wieder nicht aufsteigen. Wenn man es sich aber mal etwas genauer überlegt: Wäre es nicht schön, wenn die beste jungen Spieler Berlins auch in Berlin bleiben würden? Und nicht in den zweiten Mannschaften von Hertha und Union, sondern bei einem richtigen Verein, der viel mehr Wert auf umfassende Jugendarbeit als auf kurzfristige Erfolge setzt? Ich glaube schon. Deswegen drücke ich am Sonntag  Hertha Zehlendorf die Daumen.

Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins No Dice.  Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball.

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