Kolumne Berliner Fußball : SV Babelsberg 03 und der genervte Herr Efe

Unser Kolumnist hat sich mal wieder vor die Stadttore begeben und beim Babelsberg 03 einen ziemlich frustrierten Trainer angetroffen. Bei seiner Regionalligamannschaft läuft es nicht so wie erhofft – doch am Freitag könnte im Duell gegen ein anderes Sorgenkind aus dem Berliner Raum der Aufschwung beginnen.

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Cem Efe ist Trainer beim Regionalligisten Babelsberg 03
Cem Efe ist Trainer beim Regionalligisten Babelsberg 03Foto: Ian Stenhouse/No Dice Magazine

Ein guter Fußballtrainer muss viele unterschiedliche Qualitäten haben. Taktisches Wissen – so viel ist klar. Entschlossenheit. Menschlichkeit ist auch wichtig. Das sind alles Dinge, die man relativ einfach nachvollziehen kann. Aber andere Charaktereigenschaften sind auch wichtig. Man darf nicht zu emotional sein wie beispielsweise Kevin Keegan im Jahr 1996 – und wenn schon emotional, dann sollte man dabei immer noch versuchen, kontrolliert und entspannt rüberzukommen, wie beispielsweise Pep Guardiola.

 Immerhin hat Kevin Keegans Newcastle nach dessen berühmter Tirade kaum noch ein Spiel gewonnen und die Meisterschaft trotz zwölf Punkten Vorsprung an Manchester United verloren. Deswegen wird Keegans Auftritt in dem Interview als Zeichen der Schwäche gesehen. Wenn seine Jungs aber doch noch ein paar Spiele gewonnen hätten und an der Spitze geblieben wären, würden wir den Wortschwall ihres Trainers heute wahrscheinlich als Geniestreich bezeichnen. Und wenn Pep Guardiolas FC Barcelona im Jahr 2011 nicht fähig gewesen wäre, Jose Mourinhos Real Madrid im Champions-League-Halbfinale zu schlagen, hätte die demonstrative Gelassenheit Guardiolas nicht mehr als Charakterschwäche offenbart.

Weisheiten oder Schwachsinn?

 Der Punkt ist, dass man nur rückblickend entscheiden kann, ob ein Fußballtrainer Weisheiten zum Besten gibt oder einfach nur Schwachsinn erzählt (es sei denn, der Trainer heißt Giovanni Trappatoni, in dem Fall kann man immer sicher sein, dass er Schwachsinn erzählt). Wir Journalisten haben sehr viel Spaß mit solchen Dingen. Wir warten nervös ab, bis es klar ist, ob es um Dummheit oder Weisheit geht. Dann tun wir so, als ob wir es vom Anfang an wussten. Wunderbar!

 Einen Trainer, der derzeit ebenfalls harte Worte von sich gibt, findet man auch beim Regionalligisten Babelsberg 03. Er heißt Cem Efe und er ist nicht zufrieden. Nach dem Abstieg aus der dritten Liga musste er im Sommer eine ganz neue Mannschaft zusammenstellen. Seine Pläne für Babelsberg gehen weit in die Zukunft, geraten aktuell aber etwas in Verzug. Vor allem, weil er im Winter mit Süleyman Koc seinen  besten Spieler verlor und keinen Ersatz verpflichten durfte. Seit Ende September hat seine Mannschaft nur ein einziges Spiel gewonnen und steht auf dem zwölften Platz der Regionalliga Nordost.

Als wir im Oktober miteinander sprachen , wollte Efe „zwischen Platz elf und sieben am Ende der Saison stehen“. Jetzt sind seine Ziele anders. „Im Moment sage ich, dass es reicht, wenn wir die Liga halten.“

"Diese Mentalität stört mich"

 Efe ist genervt von den hohen Erwartungen an seine Mannschaft. „Diese Mentalität stört mich - wenn man ständig das Negative raussucht“, sagt er in Erwiderung auf die Frage, ob der Abstieg noch passieren könnte. Klar gehe er „durch alle Szenarien im Kopf“, aber niemand betrachte die Situation genauer: Obwohl Babelsberg die dritt-höchsten Zuschauerzahlen der Liga habe, gebe es kein Geld für Neuverpflichtungen. Der beste Spieler sei verkauft worden. Seine Mannschaft sei sehr jung und unerfahren „Wir haben so viele Spieler, die in einer neuen Situation sind“, erklärt der Trainer. „Jungs, die vor 50 Zuschauern gespielt haben und nicht vor 2000“. Da dürfe man halt nicht viel erwarten. Klar, es könnte gerade besser laufen, aber viel besser auch nicht.

 Gegen Favorit Magdeburg hätten seine Jungs mehr als ein 2:2 verdient gehabt, gegen Auerbach dagegen war die 0:2-Niederlage völlig verdient. „Warum kann eine Mannschaft gegen Magdeburg überragend spielen und klar besser sein und dann gegen Auerbach so schlecht, so gravierend schlecht spielen?“ fragt Efe. „Ist das ein Kopfproblem oder Unfähigkeit?“ Das ist die große Frage – und es kommt auf den Trainer an, ob er eine Antwort findet und damit die Saison rettet, oder eben nicht. „Ich glaube, es ist ein Mix von beidem“, sagt der 35-jährige Berliner. „Ich muss dafür sorgen, dass es sich ändert.“

Frustriert, wie alle Trainer, wenn es nicht gut läuft

 Auf das Spiel am heutigen Freitagabend gegen den Berliner AK freut sich Efe, denn er glaubt, „dass der BAK selbst das Spiel gestalten will, das liegt uns mehr.“ Die Gäste aus Moabit haben außerdem ihre eigenen Probleme. Seit der Entlassung von Engin Yanova wurde zweimal gespielt und beide Male verloren, „Beide Mannschaften werden Furcht vor dem Gegner haben“, prophezeit Efe.

 Cem Efe wirkte bei unserem Interview sehr frustriert. So wie Kevin Keegan. Und so wie Pep Guardiola. So wie alle Fußballtrainer, wenn gerade nicht alles gut läuft. Ich kann natürlich nicht sagen, ob es eine gute Idee war, seinen Frust so auszudrücken. Er auch nicht. Seine Spieler auch nicht. Das Ergebnis des Spiels gegen den BAK wird das entscheiden. Vielleicht gibt es auch eine dritte Möglichkeit: Nämlich die, dass alle Medienberichten egal sind und nur das zählt, was in der Umkleidekabine gesagt wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass genauso auch ein richtig guter Trainer denkt.

 

Der Autor: Stephen Glennon kommt aus Irland, lebt seit 2005 in Berlin und ist Mitgründer des englischsprachigen Berliner Fußballmagazins No Dice.  Für den Tagesspiegel schreibt Glennon immer freitags über den Berliner Fußball. Bilder und Spielberichte von „No Dice” auf Facebook.

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