Kolumne Europareise (10) : Der ferne Osten

In unserer täglichen Kolumne kommentieren Jens Mühling, Marcel Reif, Moritz Rinke, Lucien Favre, und Philipp Köster im Wechsel die EM. Heute schreibt Jens Mühling über durchlässige und undurchlässige Grenzen.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Zwischen den EM-Gastgeberländern Polen und Ukraine verläuft die Außengrenze der EU. Man vergisst diese Grenze leicht, weil sie derzeit so durchlässig wirkt. Ungehindert reisen europäische Fußballfans von West nach Ost, sie brauchen für die Ukraine kein Visum. Von Ost nach West dagegen reist es sich schwerer. Kaum jemand weiß das so gut wie Tim Saretschnyj.

Tim lebt in Donezk, im Osten der Ukraine. Seine Frau Vera lebt etwa 1000 Kilometer weiter westlich, in Magdeburg, sie ist als Austauschstudentin nach Deutschland gekommen. Vor drei Monaten hat Vera in Magdeburg ein Mädchen zur Welt gebracht, Martha, Tims Tochter, die sehr hübsch sein soll. Tim kann das leider nicht beurteilen, denn er hat seine Tochter bis heute nicht gesehen.

Tim und Vera hatten alles genau geplant. Als Vera ihr Studium in Magdeburg antrat, war sie schwanger. Um sie bei der Geburt zu unterstützen, wollte Tim seiner Frau hinterherreisen. Er buchte Deutschkurse an einer Magdeburger Sprachschule, zusätzlich schrieb er sich für ein Aufbaustudium an einer Kunsthochschule ein. Er überwies einen fünfstelligen Euro-Betrag auf ein deutsches Konto, um ausreichend Geldmittel für den Auslandsaufenthalt nachweisen zu können, er buchte Flüge, mietete in Magdeburg eine Wohnung an. Viermal hintereinander reiste er von Donezk nach Kiew, um im deutschen Konsulat vorzusprechen. Veras Bauch wurde dicker und dicker. Als sie im siebten Monat war, wurde Tims Visumantrag abgelehnt. Die Begründung war die übliche Floskel: Gründe für Aufenthalt in Deutschland nicht gegeben. Tim legte Einspruch ein. Vergeblich.

Als Vera im neunten Monat war, versuchte Tim, über Litauen in die EU einzureisen – die Firma, für die er arbeitet, hat ihren Hauptsitz im Baltikum. Sein Arbeitgeber stellte ihm eine formale Einladung aus, Tim buchte Flüge, bezahlte Hotelzimmer. Wieder wurde der Antrag abgelehnt. Tim ist überzeugt, dass die Litauer ihm kein Visum gaben, weil sie an den Vermerken in seinem Reisepass ablesen konnten, dass er bereits von den Deutschen abgelehnt worden war.

Vera brachte Martha alleine zur Welt. Weil niemand da war, der auf das Kind hätte aufpassen können, konnte sie nicht mehr zur Uni gehen. Ihr Studium in Magdeburg hat sie inzwischen abgebrochen. In ein paar Tagen, sobald Martha groß genug ist, um die Zugfahrt zurück nach Donezk zu verkraften, wird Vera Deutschland verlassen, damit Tim endlich seine Tochter sehen kann. Auf der langen Rückreise werden Vera und Martha die polnisch-ukrainische Grenze passieren. Vielleicht winken ihnen ein paar deutsche Fußballfans zu.

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