Kolumne Europareise (11) : Platinis feistes Grinsen

In unserer täglichen Kolumne kommentieren Marcel Reif, Moritz Rinke, Lucien Favre, Philipp Köster und Jens Mühling im Wechsel die EM. Heute nimmt Moritz Rinke Abschied von seinem Jugendidol.

von
Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

Ich war 17 und bewunderte Michel Platini. Er hing im blauen Trikot über meinem Bett, ich schoss wie Platini stundenlang nach dem Training Freistöße, als er dann 1984 bei der EM in Frankreich auch noch dieses Flugkopfballtor gegen Jugoslawien erzielte, hielt ich meine Mitspieler an, halbhoch zu flanken, so dass ich zum Platini-Flugkopfball ansetzen konnte. Viele Jahre später, 2006 bei der WM, habe ich dann Platini einmal beim Empfang im Bundeskanzleramt gesehen, ich sah ihn gerade in einen Fahrstuhl steigen und rannte so schnell ich konnte, um auch noch in den Fahrstuhl zu kommen. Ich stieß sogar Ulrich Deppendorf von der ARD im Stile von Hans-Peter Briegel um, und sprang quasi per Flugkopfball in den Fahrstuhl. Dann holte ich Luft und sagte: „Bonjour, Monsieur Platini.“

„Bonjour“, sagte Platini und unterhielt sich mit der Tochter von Günter Netzer.

Es war bis dahin meine bedeutendste Fahrstuhlfahrt.

Als ich am vergangenen Freitag das Foto mit Ukraines Präsident Viktor Janukowitsch und Michel Platini in der Zeitung sah, wie sie gemeinsam in der Vip-Loge dem ukrainischen Volk zuwinken, habe ich noch versucht, in dem nunmehr feisten Grinsen Platinis das frühere, stille und wache Gesicht des Feintechnikers zu finden, aber es ist weg. Weg ist auch das schöne, starke, fast beschützende Gefühl, jahrelang zu jemandem hinaufgesehen zu haben, es einem Großen in der kindlichen Fantasie gleichzutun, auch wenn es nur das Zirkeln von Bällen über eine Mauer war.

Es gibt ein berühmtes Gedicht von Handke, das so beginnt: „Wabra – Leupold, Popp – Ludwig Müller, Wenauer, Blankenburg“ … usw. Dieses Gedicht, das die Mannschaftsaufstellung des 1. FC. Nürnberg vom 27. 1. 1968 beinhaltet, mussten seitdem Tausende von Gymnasiasten in der Schule interpretieren, ich kenne sogar Schüler, die wegen dieses Gedichts durchs Abitur fielen.

Wenn nun vielleicht irgendwann einmal der Euro durchfällt und die Spanier wieder mit der Peseta bezahlen, die Italiener mit der Lira, die Iren mit dem irischen Pfund oder wir mit der guten alten D-Mark, dann wird man in den europäischen Schulen vielleicht sogar ehrfürchtig dieses Gedicht interpretieren:

Sifakis – Torosidis, Papadopoulos, Papastathopoulos, Tzavellas – Katsouranis, Maniatis, Salpingidis, Karagounis, Samaras – Gekas.

Dieses große Gedicht drückt auf literarische Weise die Mannschaftsaufstellung der Griechen vom 14. 6. 2012 aus und es wird bestimmt auch einmal das Abendland verändern. Außerdem klingt es auch viel besser als „Wabra – Leupold, Popf“ usw.

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