Kolumne Europareise (13) : Lustvoller Fußball sieht anders aus

In unserer täglichen Kolumne kommentieren Marcel Reif, Moritz Rinke, Lucien Favre, Philipp Köster und Jens Mühling im Wechsel die EM. Diesmal zeigt sich Marcel Reif sehr unzufrieden mit der Spielstärke der Teams.

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Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Dass Trainer wie Lucien Favre ihre Freude daran haben, zu sehen, wie man die Spanier entschlüsselt, ist ja verständlich. Aber wir anderen? Also ich habe die Vorrunde doch als insgesamt sehr enttäuschend empfunden. Bei der WM in Südafrika ging es noch offensiv zu, man hatte hoffen können, dass diese Entwicklung anhält. Aber dann hat die andere Seite gemerkt, dass sie dann gar nicht mehr mitspielen kann. Dass sie nur noch die Chance hat, wenn sie Verhinderungsfußball spielt. Die alte Erkenntnis, dass sich die Spreu vom Weizen in der Qualifikation trennt und in der Endrunde sich dann nur noch Qualität trifft, stimmt nicht mehr. Wohl noch nie bei einer Europameisterschaft sind so schwache Mannschaften angetreten wie jetzt in Polen und der Ukraine. Die Gastgeber, sie haben zu wenig Klasse, die Iren haben gar keine, die Schweden minimal mehr. Dann haben wir schon vier Mannschaften, die in diesem Zustand bei einer EM eigentlich nichts zu suchen haben. Ob man die Griechen dazuzählen muss, werden wir sehen, die haben so viele Götter, dass sich dort immer einer einen Spaß erlauben kann. Aber lustvoller Fußball sieht anders aus. Wenn zerstören mehr und mehr die allgemeine heutige Devise ist, dann hat der europäische Fußball gegenüber der Weltmeisterschaft einen gewaltigen Rückschritt gemacht.

Das Fatale an der Situation: Uefa-Chef Platini will die Europameisterschaft auf 24 Teams aufblähen, obwohl wir doch jetzt Probleme haben, 16 konkurrenzfähige europäische Teams zu finden. Und die anderen Neuerungen? Sollte nicht die Ansammlung gleich einer ganzen Schiedsrichtergruppe die optimale Gerechtigkeit schaffen? Worüber diskutieren wir aber, wenn ein Torrichter zwei Meter neben dem Geschehen steht und nicht erkennt, dass der Ball hinter der englischen Linie ist, wenn das Team von Wolfgang Stark nicht wahrhaben will, dass Ramos den Kroaten Mandzukic elfmeterreif foult? Ist es angesichts dieser Schiedsrichterleistungen nicht fasst sinnvoler zum alten System zurückzukehren: Ein Hauptschiedsrichter, zwei Linienrichter, die irren sich mal oder irren sich nicht, und die Objektivität wird dadurch hergestellt, dass sie die Irrtümer wahllos verteilen.

Aber vielleicht wird ja nun alles gut, nun da sich die Spreu vom Weizen getrennt hat. Das Turnier hat auf jeden Fall noch viel Luft nach oben.

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