Kolumne Europareise : "Ich bitte um Respekt für Löw"

Bundestrainer Joachim Löw hat mutig aufgestellt, dafür gebührt ihm Respekt, meint unser EM-Kolumnist Lucien Favre. Über das Scheitern der deutschen Mannschaft ist er natürlich enttäuscht - doch es war nicht alles schlecht.

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Lucien Favre, Tagesspiegel-Kolumnist und Ex-Hertha-Trainer.
Lucien Favre, Tagesspiegel-Kolumnist und Ex-Hertha-Trainer.Foto: dapd

Am Ende dieser Europameisterschaft steht für mich… Enttäuschung. Weil es die Spanier wie selbstverständlich ins Finale geschafft haben, ohne Puyol und Villa, zwei enorm wichtige Leute, mon dieu!, Puyol und Villa! Und natürlich bin ich als Bundesligatrainer enttäuscht über das Scheitern der Deutschen. Nach dem großartigen Weg ins Halbfinale, der keineswegs so einfach war, wie sich das im Rückblick nach vier Siegen in vier Spielen manche einbilden mögen. Aber dann? Italien ist eine gute Mannschaft, aber ganz bestimmt keine herausragende.

Nein, es war nicht alles schlecht bei Deutschland. Der Anfang war sogar gut, sehr gut. In der ersten Viertelstunde hat die Mannschaft viel Druck gemacht, es gab diese gute Chance für Hummels und vorne noch zwei gute Szenen von Kroos und Khedira. Doch dann? Gut, Balotelli macht das Tor für Italien, das ist für die Deutschen sehr unglücklich gelaufen, aber so etwas passiert nun mal. In solchen Situationen sieht man, wie gut eine Mannschaft funktioniert. 0:1, was soll’s, da ist noch reichlich Zeit, da musst du Geduld und Konzentration bewahren und dein Spiel durchziehen. Ein einziges Tor ist schnell aufgeholt. Die Reaktion nach Balotellis Tor war für mich die eigentliche Enttäuschung: Kein Aufbäumen, nein, ganz im Gegenteil, jeder hat gesehen, wie tief der Schock die Mannschaft getroffen hat. Und nach dem 0:2, das so nie fallen darf, war mir klar: Es ist vorbei. Zwei Tore holt man gegen Italien nicht auf.

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Die deutschen Spieler in der Einzelkritik
Sie spielten gegen Italien. Oben: Badstuber, Neuer, Kroos, Hummels, Gomez, Khedira, Boateng (v. l.). Unten: Lahm, Podolski, Schweinsteiger, Özil (v.l.)Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: AFP
28.06.2012 23:09Sie spielten gegen Italien. Oben: Badstuber, Neuer, Kroos, Hummels, Gomez, Khedira, Boateng (v. l.). Unten: Lahm, Podolski,...

Ich will und werde keine Einzelkritik vornehmen, die ergibt sich wie von selbst durch eine Analyse des italienischen Spiels. Also: Buffon ist ein hervorragender Torhüter, aber das musste er gegen die Deutschen nicht zeigen. Ich habe eine sehr gute Abwehr gesehen, die nach der ersten Viertelstunde eigentlich keine richtige Chance mehr zugelassen hat. Das Mittelfeld war in der Raute hervorragend organisiert, da hat alles gepasst, jeder Spieler: Montolivo, De Rossi, Marchisio und, natürlich!, Pirlo. Balleroberung und Spielaufbau haben mir beinahe noch besser gefallen als bei den Spaniern. Und vorn macht Balotelli zwei großartige Tore, aber wie ist er denn in den Spielen davor rumgelaufen? Joachim Löw ist ein kompetenter Kollege und guter Freund. Er hat die Mannschaft gegen Italien sehr mutig aufgestellt, dafür gebührt ihm Respekt. Löw hat auf Podolskis Routine vertraut und auf seinen Kampfgeist. Kroos hat unbestritten seine Qualitäten. Gomez war in der Vorrunde mit seinen Toren zweimal spielentscheidend.

Dafür sind gegen Italien Leute wie Müller, Reus, Klose oder Bender erst einmal oder komplett draußen geblieben. Natürlich gibt das jetzt von den Kritikern lautes Geschrei. Ich weiß, wie man sich als Trainer in solchen Situationen fühlt, und deswegen bitte ich um Respekt für Joachim Löw. Hinterher ist man immer schlauer.

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