Kolumne: Ich – Ironman (1) : Der Kampf der Wasserlinse

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Ihn erwartet ein Selbstversuch mit Höhen und Tiefen, denn wer nicht mindestens zwölf Stunden Training pro Woche investiert, kann gleich im Bett bleiben.

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Vom Band auf die Straße. Arne Bensiek unterzog sich auch einem Medizincheck.
Vom Band auf die Straße. Arne Bensiek unterzog sich auch einem Medizincheck.Foto: Mike Wolff

Ist mir eigentlich noch zu helfen? Mein größter sportlicher Traum ist eine unglaubliche Qual. Ein Wettkampf, der mir alles abverlangen wird, der sich mindestens elf Stunden hinziehen wird – freiwillig bis zum Gipfel der Erschöpfung. Mein Traum, das steht fest, findet am 6. Juli in Frankfurt am Main statt, der Ironman Germany, die Europameisterschaft der Ironman-Serie über die Triathlon-Langdistanz: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und dann 42,195 Kilometer Laufen – eins nach dem anderen, ohne Pause. Alles nur für den schmeichelnden Titel Ironman?

Dafür allein würde vermutlich niemand ein ganzes Jahr lang trainieren, sich frühmorgens vor der Arbeit aus dem Bett schälen, im Dunkeln laufen gehen, nach Feierabend ins überfüllte Schwimmbad hetzen und die Wochenenden bei Wind und Wetter im Rennradsattel verbringen. Wozu also dann? Für mich ist dieser Wettkampf das ultimative moderne Abenteuer, ein langer Weg mit vielen Hindernissen auf der Strecke und auch in mir selbst. Das Ziel zu erreichen, wäre ein Sieg über das mir heute noch Unvorstellbare.

Seit meinem 16. Lebensjahr ist da noch eine Rechnung offen: Mein erster Versuch, die Disziplinen Radfahren (30 Kilometer Mountainbike) und Laufen (vier Kilometer) miteinander zu verbinden, endete mit dem schlimmsten Schmerz meines Lebens. Zurück zu Hause, harrte ich wimmernd, tränennass und völlig bewegungsunfähig eine halbe Ewigkeit mit zwei Oberschenkelkrämpfen aus. Bis mein großer Bruder aus der Schule kam, mich erst mal auslachte und dann zur Badewanne trug und mit heißem Wasser abbrauste. Welch Schmach! In welchem Rahmen ließe sie sich also besser sühnen als bei dem König der Wettkämpfe?

Sportlich ist mein größter Triumph bisher stets gewesen, Wettkämpfen ein Schnippchen zu schlagen. Mehr rausholen, als ich an Training investiert habe, so die Devise. Ich liebe es, zu laufen, ich liebe Herausforderungen, aber Trainingspläne sind mir ein Graus. Damit schafft es jeder, dachte ich bei allen meinen fünf Marathons im Ziel selbstgerecht. Doch was bei so einem einzelnen Lauf mit Talent noch gutgeht, reicht beim Ironman nicht ansatzweise aus. Die Ironman-Fachliteratur, die ich in einem ersten Anflug von Gewissenhaftigkeit und Sorge gewälzt habe, rät zu einem ganzen Jahr Vorbereitung mit zwölf Stunden Training pro Woche. Das reicht fast, um einen neuen Beruf zu lernen. Wer nicht mindestens so viel investiert, solle gleich im Bett bleiben, heißt es da weiter.

Fest steht: Mit jeder Trainingseinheit, die ich mir aus Gemütlichkeit spare, verschaukel ich mich selbst. Die Rechnung dafür bekomme ich im Wettkampf, vielleicht wieder in Form von Oberschenkelkrämpfen, vielleicht im Scheitern. Die Zeit der Schnippchen, der Selbstgerechtigkeit muss vorbei sein – und irgendwie fühlt sich dieser Zwang sogar ganz gut an.

Dass das Bestehen in diesem Wettkampf möglich ist, beweisen Tausende jedes Jahr allein in Deutschland, die wenigsten von ihnen sind Profis, die meisten berufstätige Hobbysportler wie ich. Noch ein halbes Jahr liegt zwischen mir und meinem Traum. Noch nie habe ich mich auf einen Tag, auf eine Sache so lange und intensiv vorbereitet.

Ironman 2013 in Bildern
Geschafft gerade noch aufs Treppchen geschafft: Sebastian Kienle (l.) wurde Dritter. Der Triathlet aus Karlsruhe musste am Samstagnachmittag (Ortszeit) im Ziel auf dem berühmten Alii Drive in Kailua-Kona nur dem Belgier Frederik van Lierde und dem Australier Luke McKenzie (r.) den Vortritt lassen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Reuters
13.10.2013 14:01Geschafft gerade noch aufs Treppchen geschafft: Sebastian Kienle (l.) wurde Dritter. Der Triathlet aus Karlsruhe musste am...

Werde ich dabei aber zum Kauz – oder bin ich das vielleicht schon? Wer kann mir auf meinem anstrengenden Weg helfen? Über Höhen und Tiefen, Spaß und Frust im Trainingsalltag, über Körpersignale, das notwendige Material und die unweigerlichen Begegnungen am Weges- und Beckenrand werde ich von nun an in dieser Ironman-Kolumne immer donnerstags auf Tagesspiegel online berichten – bis zu meinem großen Tag am 6. Juli.

Die Erfüllung dieses Traumes wird meinen Alltag verändern und sicher auch mich, den 30-jährigen Läufertypen, der sich vor mehr als zehn Jahren mal ein ganz vernünftiges Rennrad gekauft hat, aber über die Schwimmeigenschaften einer Wasserlinse verfügt. Mir dürfte also definitiv zu helfen sein. Die Suche nach einem Schwimmtrainer hat offiziell begonnen.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Künftig wird jeden Donnerstag seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/sport erscheinen.

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