Kolumne: Ich - Ironman (12) : Austricksen der Gegenspieler

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Weil ihm vom vielen Schwimmen die Schulter zwickt, besucht er einen Physiotherapeuten und Weltmeister. Der verbietet ihm kurzerhand die Lieblingstrainingseinheit.

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Mathias Dietze. Physiotherapeut und Weltmeister.
Mathias Dietze. Physiotherapeut und Weltmeister.Foto: promo

Bewegung führt zu Unbeweglichkeit. Jedenfalls bei Sportlern, die es hassen, sich nach einer ermüdenden Trainingseinheit auch noch zu dehnen. Also bei mir. Die erste schmerzhafte Quittung spüre ich nun. Meine rechte Schulter zwickt beim Schwimmen. Bei jedem Armzug ist es, als springe eine Sehne über einen Knochen. Es war mir klar, dass ich meine Arme wohl nie wie ein Schwimmer locker und gertengerade hinter dem Kopf Richtung Himmel werde strecken können. Trotzdem habe ich nicht mit Problemen dieser Art gerechnet. Um das lästige Knacken auszuschalten, nehme ich beim Schwimmen mittlerweile eine andere Haltung ein – eine, die mich langsamer macht. Das kann also keine langfristige Lösung sein. Zu viel Training steht noch an.

Es muss ein Physiotherapeut her. Zu dieser Gattung habe ich allerdings seit letztem Herbst ein angespanntes Verhältnis. Zur Erklärung: Auf dem Rezept stand etwas von manueller Therapie für den blockierten Journalistenrücken. Die operierende Fee aus Prenzlauer Berg verfolgte natürlich einen ganzheitlichen Ansatz, der ihre Hände bis hinunter zu meinen Sprunggelenken führte. Während sie meine Füße massierte, erklärte sie: „Ich mobilisiere.“ Wer will nicht mobil sein? In meinen Ohren klang das toll. Zumindest so lange, bis ich am selben Abend auf dem Rückweg vom Hallenfußball nach 16 Kilometern meine Laufeinheit mit höllischen Schmerzen abbrechen musste. „Oh, hatte ich dir nicht gesagt, dass du nach der Therapie nicht trainieren sollst?“, säuselte die Fee beim Wiedersehen mit einem Shit-happens-Blick. Drei Wochen lang konnte ich danach nicht mal schmerzfrei gehen.

Nie wieder, habe ich mir geschworen. Statt Lillifee vertraue ich diesmal einem Eisenmann: Mathias „Piefke“ Dietze arbeitet als Physiotherapeut am Olympiastützpunkt in Potsdam. Im vorletzten Jahr hat der 33-Jährige beim Ironman auf Hawaii den Weltmeistertitel in seiner Altersklasse gewonnen, als 34. insgesamt. Wenn sich einer mit den Malaisen in der Ironman-Vorbereitung auskennt, dann Piefke. „Da du jetzt bestimmt mehr schwimmst als je zuvor, musst du deine Schultern kräftigen“, sagt er.

Geliebte Gegenspieler. Richter Robert, Treter Timo, Gebirgsjäger Tim und die Anderen.
Geliebte Gegenspieler. Richter Robert, Treter Timo, Gebirgsjäger Tim und die Anderen.Foto: promo

Es komme weniger aufs Dehnen an, schließlich gebe es bis heute keinen unumstrittenen wissenschaftlichen Nachweis, der den positiven Einfluss auf Muskeln und Gelenke belegt. Das ist mir vollkommen neu. Das schlechte Gewissen angesichts meiner chronischen Dehnfaulheit: alles verschenkte Lebensfreude. „Es geht vor allem darum, die muskulären Gegenspieler der im Training beanspruchten Muskeln zu stärken“, erläutert Piefke. Also versuchen wir, meine aktuellen Gegenspieler auszutricksen, zwei Stabilisatoren an der Rückseite der rechten Schulter. Piefke nimmt ein gelbes Gummiband in die Hände, hält die Ellenbogen am Körper, die Unterarme nach vorne gestreckt und zieht es auseinander. Dann bin ich dran. Am leichten Schmerz merke ich sofort, dass das die passende Übung für mein Problem sein muss – meine Aufgabe für die nächsten Wochen.

„Kein Sportler macht das wirklich gerne“, erzählt Piefke. Gerade für die Triathlon-Langdistanz seien Stabilisationsübungen aber dringend zu empfehlen. „Je instabiler deine Körperhaltung im Laufe des Wettkampfes wird, desto weniger Kraft geht in die Vorwärtsbewegung.“ Für manche Athleten seien die letzten Marathonkilometer schon deshalb eine absolute Qual, weil sie nur noch völlig schief laufen können. Damit mir das nicht passiert, empfiehlt Piefke noch eine ganz einfache Stabilisationsübung: einbeinige Kniebeugen beim Zähneputzen oder beim Abwaschen. Das spare Zeit und sei sehr effektiv.

Als ich Piefke von der schmerzhaften Erfahrung mit Lillifee erzähle, schüttelt er den Kopf. Einer, der meinen ganzen Brass versteht. Denke ich. Bis er entgeistert fragt: „Du spielst Fußball?“ Ich schwärme noch stolz von meiner Lieblingstrainingseinheit am Montagabend, von elf Kilometern mit dem Rucksack aus dem Wedding nach Weißensee zum Kicken und anschließend wieder zurück, da unterbricht mich Piefke wirsch: „Ich kenne niemanden, der sich auf einen Ironman vorbereitet und im halben Jahr davor noch so ein Verletzungsrisiko eingeht.“ Schweren Herzens verspreche ich ihm, dass damit nun Schluss ist. Schon wieder endet ein Besuch beim Physiotherapeuten schmerzhaft. Für mich und diesmal auch für meine geliebten Gegenspieler (vor allem Richter Robert, Treter Timo und Gebirgsjäger Tim), die Woche für Woche versucht haben, sich spektakulär in die Kolumne zu foulen.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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