Kolumne: Ich - Ironman (13) : Höllentrip im Paradies

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Weil er für eine Hawaii-Qualifikation deutlich zu langsam ist, bleibt ihm nur die historische Auseinandersetzung mit dem Triathlon-Paradies.

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40 Grad und kein Schatten: Der Ironman auf Hawaii hat die Sportart Triathlon weltberühmt gemacht
40 Grad und kein Schatten: Der Ironman auf Hawaii hat die Sportart Triathlon weltberühmt gemachtFoto: Imago

Die Idee zum Höllentrip entstand ausgerechnet im Paradies. Im Jahr 1977, bei einem Bankett des hawaiianischen Waikiki Swim Clubs, stritten Sportler darüber, welche Sportart die stärksten Ausdauerathleten hervorbringe: Schwimmen, Radfahren oder Laufen. Die Antwort konnte nur ein Kräftemessen bringen. Also fügte der auf Hawaii stationierte Marine-Offizier John Collins die Distanzen des Waikiki Rouhwater Swim (3,8 Kilometer), des Around-Oahu-Bike-Race (180 Kilometer) und des Honolulu-Marathons (42,195 Kilometer) zusammen und schuf damit einen nie dagewesenen Nonstop-Ausdauer-Wettkampf. Als Preis winkte lediglich Prestige: Wer als Erster das Ziel erreichen würde, dürfte sich fortan Ironman nennen.

15 wagemutige Männer traten am Morgen des 18. Februar 1978 zum Kräftemessen an. Mit einer Mischung aus Aufregung und Angst stürzten sie sich in die türkischblauen Pazifikwellen, ohne wissen zu können, was ihren Körpern bevorsteht. Ohne zu ahnen, welcher Mythos in diesem Augenblick seinen Anfang nehmen würde.

An Neoprenanzüge, Karbonräder oder Powergels von der Verpflegungsstelle war nicht zu denken. „Manche machten während des Rennens Pause bei McDonald’s, weil sie niemanden hatten, der sie mit Essen versorgte“, erinnert sich Teilnehmer Gordon Haller. Nach dem Schwimmen habe er selbst erst einmal in Ruhe geduscht und sich trockene Klamotten angezogen. Als es ihm auf der Radstrecke zu bergig wurde, wechselte er kurzerhand vom geliehenen Rennrad auf sein eigenes Tourenbike. All das hinderte Haller nicht daran, den ersten Ironman-Wettkampf der Geschichte in elf Stunden, 45 Minuten und 58 Sekunden zu gewinnen. Zwölf Athleten erreichten das Ziel. Da Haller mit einer persönlichen Marathonbestzeit von 2:27 Stunden vor allem ein herausragender Läufer war, hatten die Ironman-Pioniere ihre Antwort eigentlich gefunden. Dass die Zahl von 15 Athleten eine verlässliche empirische Basis war, hätte aber wohl niemand behauptet.

Schnell verbreitete sich die Kunde vom Wettkampf der Extreme, der stundenlangen Ausdauerschlacht gegen Wellen, Wüstenwinde und drückende Hitze, von der Herausforderung, für die der menschliche Körper nicht gemacht ist – die er aber bestehen kann. Schon zwei Jahre später gingen 108 Triathleten an den Start. Es gab eine Leistungsexplosion: Die Siegerzeit der späteren Ironman-Legende Dave Scott betrug damals neun Stunden, 24 Minuten und 33 Sekunden. Der amerikanische Fernsehsender ABC übertrug das Spektakel und verhalf der verrückten Idee vom ultimativen Wettkampf zum endgültigen Durchbruch.

Hawaii ist nicht die Wiege des Triathlons – erste Wettkämpfe in der Kombination der drei Disziplinen fanden schon Anfang der 70er im kalifornischen San Diego statt, manche sprechen sogar vom Frankreich der 20er Jahre. Doch erst der Ironman auf Hawaii machte die Sportart international bekannt und inspiriert bis heute Menschen, sich im Triathlon zu versuchen. Seit 2006 ist er offiziell als Weltmeisterschaft anerkannt. Ironman ist heute eine geschützte Marke, hinter der die World Triathlon Corporation (WTC) steckt. Die Idee vom Mann aus Eisen hat das Unternehmen längst in alle Welt exportiert. Der Ironman ist laut WTC nicht nur der härteste Ausdauerwettkampf der Welt, sondern eine Lebenseinstellung.

35 Ironman-Wettkämpfe über die ursprüngliche Langdistanz finden jedes Jahr statt.  Der Titel Ironman ist zugleich demokratisiert worden. Wer heute das Ziel erreicht – ob als Erster oder Letzter, ob auf Hawaii oder in Frankfurt – wird mit den Worten empfangen: „You are an ironman.“ Wer wollte das etwa dem mit 77 Jahren bisher ältesten Finisher verwehren, der die Ziellinie nach 16 Stunden und 48 Minuten überquerte? Der Geist dieses Wettkampfes ist es geworden, nicht aufzugeben. Und in bis zu 17 Stunden – dann schließt in Hawaii das Ziel – kann einem viel Unvorhergesehenes passieren. Den Weltrekord über die Triathlon-Langdistanz hält der deutsche Andreas Raelert mit sieben Stunden, 41 Minuten und 33 Sekunden (aufgestellt bei der Challenge im fränkischen Roth). Den Hawaii-Rekord hält der Australier Craig Alexander mit seiner Siegerzeit von acht Stunden, drei Minuten und 56 Sekunden. Mit Thomas Hellriegel, Norman Stadler (zweimal) und Faris Al-Sultan konnten bisher drei Deutsche im Triathlon-Paradies gewinnen.

Der Wettkampf, zum dem sich damals ein Grüppchen Verrückter in Waikiki zusammenfand, bestimmt heute die Trainingsplanung der Profis. Aber vor allem richten sich nach ihm zigtausende Amateure, die hoffen, sich durch eine gute Zeit in einem der Qualifikationswettkämpfe für Hawaii zu qualifizieren. Diese Rennen rund um den Globus sind nicht vergleichbar, da die Strecken und die äußeren Bedingungen meist stark variieren. Genau diese Faktoren beeinflussen aber, ob ein starker Schwimmer, Radfahrer oder Läufer als erstes das Ziel erreicht. So hat sich eine scheinbar banale Gewissheit durchgesetzt: Du kannst das Rennen nicht beim Schwimmen oder Radfahren gewinnen, aber Du kannst es dort verlieren. Dass jeder, der heute beim einem Ironman an den Start geht, nicht weniger verrückt ist als die ersten tapferen 15 – über diese Behauptung kann man allerdings streiten.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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