Kolumne: Ich - Ironman (15) : Die härteste Rolle

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Um nach seinem harten Training schneller zu regenerieren, massiert er sich nun schon selbst – mit einer Faszienrolle. Trotz Beistand kommt es zu Tränen und Geschrei.

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Bloß nicht aus der Rolle fallen. Unser angehender Triathlet musste auch in der vergangenen Woche wieder schwitzen.
Bloß nicht aus der Rolle fallen. Unser angehender Triathlet musste auch in der vergangenen Woche wieder schwitzen.Foto: promo

Einen Biber habe er am Wochenende gejagt und den Kompost der Familien-Datsche im Brandenburgischen umgesetzt, sein Muskelkater sei beträchtlich, klagt mir Sportsfreund Tim, als er meine Wohnung betritt. Ich habe ihm Linderung versprochen, so wie ich mir nach meinem jüngsten Marathon selbst Linderung verspreche vom neuen Stern am Regenerationshimmel: der Faszienrolle. Tim hat noch nie davon gehört, trotzdem ist er wagemutig in Sportsachen angerückt. Was eine Faszienrolle ist, wusste auch ich bis vor kurzem nicht. Bis mir ein Triathlet nach dem anderen versichert hat, dass ich meine Muskeln mit so einer Rolle schneller wieder gefügig machen könnte. Zwei Modelle der Marke Blackroll Orange habe ich mir daher besorgt: ein Standardexemplar und eines für Fortgeschrittene. Und Beistand.

Tim vermutet offenbar, vom Namen Faszien ableitend, dass es um Gewichtsreduktion geht. Jedenfalls schlägt er mein liebevoll vorbereitetes und initial angedachtes Abendmahl mit Kartoffelsalat, Würstchen und Bier kategorisch aus. Als ich ihm daraufhin verrate, dass wir uns gleich auf meinen Wohnzimmerdielen synchron selbst massieren, wechselt sein Blick zwischen Ungläubigkeit und Ekel. Ich erkläre ihm, dass wir damit laut Produktbeschreibung die Verklebungen in den Weichteilkomponenten unseres Bindegewebes lösen können. Dann drücke ich ihm mit gespielter Unwissenheit das orange Profimodell in die Hand, hart wie Beton, und behalte das schwarze, softe Anfängerding für mich. „Zwei männliche Hauptrollen“, beruhige ich Tim und zwinkere ihm zu.

"Oh Mann, was mache ich hier"

Auf meinem kleinen Fernseher duellieren sich gerade Dortmund und Wolfsburg, allerdings stumm. Denn auf dem Computer-Bildschirm nebenan läuft schon die Anleitungs-DVD zu unserem muskulären Selbsterfahrungstrip. Eine asketische Frau mit Kurzhaarfrisur stellt sich als Profi-Triathletin vor. Hier bin ich richtig, denke ich. „Oh Mann, was mache ich hier“, seufzt Tim. Frau Drill-Instructor bietet zweierlei Arten von Übung an, im Stehen oder im Liegen. Ich überlasse Tim die Auswahl, der sich in einem Anflug von Keuschheit fürs Stehen entscheidet. Als ich jedoch sehe, dass dabei meine blütenweißen Wohnzimmerwände ins Spiel kommen müssten, stimme ich Tim schnell auf die Horizontale um.

Als er sich neben mir auf den Boden sinken lässt, fragt er, ob wir nicht wenigstens die Vorhänge zuziehen oder Fußballtrikots anziehen könnten. Da hat unsere Vorturnerin aber leider schon mit der Wadenmassage begonnen. Rücklings abgestützt auf die Hände, die Beine nach vorne ausgestreckt, schiebt jeder von uns – wie geboten – seine rechte Wade über die Rolle, hoch bis in die Kniekehle, runter bis zur Verse, immer wieder hoch und runter. Kein Hexenwerk. Der Empfehlung folgend steigern wir die Übung, indem wir das gerade nicht massierte Bein auf dem jeweils anderen ablegen und so das Gewicht und den Druck auf die Rolle erhöhen. Die Anstrengung beim Abstützen der Arme ist allerdings noch größer als der Druckschmerz auf den Muskel.

Die Triathletin verzieht keine Miene

Zumindest bis es an die Oberschenkel geht. In Liegestützposition ruht dabei der obere Teil des Beins auf der Rolle, wieder schieben wir uns synchron hoch und runter. Die Triathletin verzieht dabei keine Miene. Tim begleitet schon jetzt jede Wiederholung mit Stöhnlauten, die mal an Brunftgeschrei, mal an Auspeitschen erinnern. „Hast du mal komische Rolle und Verletzung gegoogelt?“, fragt er mit hochrotem Kopf. Ich bilde mir ein, Ansätze von Tränen in seinen Augenwinkel zu sehen. „Da muss man ja echt aufpassen, dass man sich bei einer falschen Bewegung nichts einrollt“, warnt Tim.

Eine Viertelstunde später haben wir alle Bodenübungen durch. Weil es das noch nicht gewesen sein kann, öffne ich kurzerhand die Balkontür und sage dem sichtlich genervten Tim, dass es draußen an der frischen Luft im Stehen weitergeht. An der schmalen, glatten Wand schieben wir Schulter an Schulter unsere Rücken über die Rollen – spätestens jetzt auf dem Präsentierteller für die gesamte Nachbarschaft. „Ich wohne hier zum Glück nicht“, sagt Tim. Ich zucke mit den Schultern und genieße die Zärtlichkeit, mit der Wand, Rolle und ich selbst mir meinen Rücken massieren. Nicht ausgeschlossen, dass ich das wiederhole. Ich bitte Tim, mir am nächsten Tag zu melden, ob die Spätfolgen seiner Biberjagd verschwunden sind. Das verspricht er mir. Als ich anbiete, ihm seinen neuen Freund, die orange Rolle, auszuleihen, lehnt er lächelnd ab: „Dich wird morgen hier keiner mehr grüßen.“

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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