Kolumne: Ich - Ironman (19) : Attacken im Kartoffelfeld

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Damit er weiß, was auf ihn zukommt, fährt Profitriathletin Natascha Schmitt mit ihm die Radstrecke ab. Bei Schneckentempo kommt es zu Attacken der anderen Art.

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Da geht's lang. Unser Autor Arne Bensiek (l.) fuhr mit Profitriathletin Natascha Schmitt die Radstrecke des Ironmans ab.
Da geht's lang. Unser Autor Arne Bensiek (l.) fuhr mit Profitriathletin Natascha Schmitt die Radstrecke des Ironmans ab.Foto: Arne Bensiek

Ich hatte eine stromlinienförmige Zeitfahrmaschine erwartet. Aber Profitriathletin Natascha Schmitt rollt mit einem gewöhnlichen Straßenrennrad am vereinbarten Treffpunkt vor. Satte fünf Minuten zu spät. „Das Gute steckt noch im Radkoffer“, entschuldigt sie sich sofort. Erst vor 48 Stunden sei sie vom Ironman 70.3 auf Mallorca (1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21 Kilometer Laufen) nach Hause zurückgekehrt. Sechste ist sie geworden. „Heute steht Regeneration an“, sagt Natascha. Sonst hätte ich wohl auch schlechte Karten gehabt mit meiner Bitte, mir in Frankfurt die Originalradstrecke des Ironman zu zeigen und mir ein paar wertvolle Profitipps zu liefern. Auch sie wird in Frankfurt am Start sein. Damit Nataschas Tag allerdings sicher die Regenerationsschwelle erreicht, ist sie vor unserer 85-Kilometer-Ausfahrt vorsichtshalber schon mal neun Kilometer gelaufen.

Ich schmunzle noch über meine absurde Vermutung, sie hätte verschlafen, da trifft mich die erste Profiattacke: „Aber mit deinem Fahrrad willst du ja sicherlich auch nicht an den Start gehen.“ Ich erkläre Natascha, dass mir auch in den letzten Wochen vor dem Wettkampf vermutlich niemand ein Karbonrad schenken wird und ich daher mit diesem normalsterblichen – und fast noch schlimmer: holländischen – Modell werde Vorlieb nehmen müssen.

Als wir auf einer vierspurigen Straße Richtung Osten strampeln, vorbei an der riesigen Baustelle der neuen Europäischen Zentralbank, gesteht mir Natascha zu meiner Verwunderung: „Das einzige, was mich am Triathlon stört, ist, dass es mittlerweile eine einzige Materialschlacht ist.“ Wenn man als Profi nicht das neueste und beste Equipment besitze, werde man von der Konkurrenz schon schief angeschaut. Gegen den Fahrtwind und den Straßenlärm schreie ich ihr aufrichtig mein Beileid aus.

Die Radstrecke des Ironman führt vom Langener Waldsee im Süden zwölf Kilometer bis ins Frankfurter Stadtzentrum, wo die erste von zwei zu fahrenden Runden beginnt. Richtung Norden geht es durch Dörfer und Felder bis nach Friedberg, dem Wendepunkt. Nach 96 Kilometern erreichen die Athleten wieder das Frankfurter Mainufer, und es beginnt die zweite Runde. Stolz ist der Veranstalter offenbar vor allem auf die vier Anstiege im Streckenverlauf, die sogar eigene Namen tragen: The Beast, The Hell, Hühnerberg und Heartbreak Hill. Eine Zeitfahrstrecke mit vier – also insgesamt acht – Bergwertungen?

Ich will wissen, was auf mich zukommt, wie schnell ich die Berge hochfahren darf, ob besser im Sitzen oder im Wiegetritt. Und ehrlicherweise habe ich mir auch ein bisschen Mitleid versprochen – so von Profi zu Amateur. „Bergig?“, fragt Natascha ungläubig. „Das ist doch keine bergige Strecke.“ Wenn es nach ihr ginge, dann ginge es über den Feldberg im Taunus. Die 28-jährige Frankfurterin ist mit 52 Kilogramm eher ein Leichtgewicht und hat ihre Stärken da, wo es steil wird. In der Ebene, vor allem wenn der Wind weht, hat sie gegen ihre schwereren Konkurrentinnen zu kämpfen.

„Ich fahre sehr gerne im Wiegetritt die Anstiege hoch, aber das darfst du nicht zu lange machen, sonst schießt dir das Laktat in die Beine“, rät sie mir. Der erste Berg, The Beast, hat es gleich in sich, der zweite, The Hell, ist dagegen eine Delle, dafür aber mit Kopfsteinen gepflastert, die einen kräftig durchschütteln. „Hier fällt alles runter, was nicht bombenfest am Rad sitz“, warnt sie. Der Hühnerberg, der längste Anstieg, sei ihr bevorzugter Streckenabschnitt. Tatsächlich erklimmen wir ihren geliebten Geflügelhügel maximal im Rehatempo. Die meiste Stärke demonstrieren an diesem Tag die Kartoffelfelder rechts und links der Straße. Die Abfahrt ist dafür rasant. Ich fahre voraus und höre bei 65 Stundenkilometern auf zu treten. Irgendwie fühle ich mich bei dieser Geschwindigkeit auf einem Rennrad schutzlos. Wenn sie also nicht schon vor mir liegen, dürften mich im Wettkampf spätestens hier die Desperados überholen.

Natascha folgt dicht in meinem Windschatten. Etwas, das im Wettkampf natürlich streng verboten ist. Zum Vordermann sind zehn Meter Abstand zu halten, zur Seite fünf Meter. Niemand soll sich einen Vorteil verschaffen können. Wer gegen die Regel verstößt, wird verwarnt oder sogar disqualifiziert. Das wusste ich. „Disqualifiziert wirst du auch, wenn du außerhalb der Verpflegungsstellen Müll wegwirfst“, sagt Natascha. Das wusste ich nicht. Es reiche eine Gelverpackung und das Rennen sei vorbei. Bevor ich zum Müllsammler werde, solle ich lieber gleich die Flasche vorne im Zeitfahrlenker mit zehn Gels füllen.

Der heftigste Anstieg ist der Heartbreak Hill in Bad Vilbel, gut 20 Kilometer vor Frankfurt. Natascha sagt, dass die Zuschauer hier Spalier stehen werden. Wie eine Rampe steigt die Straße aus dem Ort hoch. „Für solche Fälle habe ich ein drittes Kettenblatt“, freue ich mich. Natascha entdeckt das erst jetzt: „Warte erst mal ab, wie viele verächtliche Blicke du erntest, wenn du damit in der Wechselzone eincheckst.“ Ich bin damit doch sicher nicht der einzige, behaupte ich mit gespielter Naivität. „Doch, genau wie mit deinen buschigen Beinen.“ Jetzt attackiert sie nicht mehr nur verbal, sondern hängt mich am Hang ab.

„Vielleicht habe ich Chancen, die Behaarten-Wertung zu gewinnen“, rufe ich ihr hinterher. „Pure Faulheit“, ruft Natascha zurück. Als wir wieder nebeneinander die abschüssige Schnellstraße Richtung Main rollen erkläre ihr in vertraulichem Ton, dass meine Freundin mich verstoßen würde, sollte ich den Rasierer unterhalb des Kinns ansetzen. „Ich würde meinen Freund verstoßen, wenn er das nicht täte.“ Als wir nach dreieinhalb Stunden Fahrt am Mainufer ankommen, sind unsere Fronten auf Friseurdeutsch verhairtet. Tatsächlich hat mir meine Freundin in der Angst um meine männliche Wirkung schon gedroht: „Wenn du rasierst, lasse ich wachsen.“ Und damit meint sie Büschel und nicht den Brasilianer. Ich werde also definitiv im Federkleid Richtung Ziellinie fliegen.

Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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