Kolumne: Ich - Ironman (25) : Aller schlimmen Dinge sind drei

Unser Autor will Anfang Juli am deutschen Ironman in Frankfurt teilnehmen. Keuchend und trampelnd verrät ihm Triathlon-Idol Lothar Leder die Tücken des abschließenden Marathons.

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Lothar Leder und Arne Bensiek (r.) Foto: promo
Lothar Leder und Arne Bensiek (r.)Foto: promo

Für einen dreifachen Ironman-Europameister muss es natürlich der Eiserne Steg sein. Ausgerechnet Frankfurts Mainbrücke mit den meisten fotografierenden Japanergruppen hat Lothar Leder als Treffpunkt gewählt. Und dann ist er nicht pünktlich. Mein Handy klingelt, Lothar, er dirigiert mich zu einer anderen Brücke. Als ich ankomme, grinst er und entschuldigt sich: „Ich bringe die immer durcheinander.“ Der Eiserne Steg, das ist für Lothar offenbar immer gerade die Brücke, auf der er steht.

An einem Abend im Oktober 1984 habe ich wahrscheinlich gerade eine Strickwindel vollgemacht, als der 13-jährige Lothar in der Tagesschau einen Beitrag über den Ironman auf Hawaii sieht und sich entschließt, Triathlet zu werden. Ich setze somit auf 30 Jahre Erfahrung – und auf einen Siegertypen: Unter anderem hat Lothar den Ironman Germany 2002 bei der ersten Austragung des Rennens in Frankfurt gewonnen. Es wäre nicht dazu gekommen, wenn er sich auf der Laufstrecke nicht besser auskennen würde als bei den Brücken.

„Der Marathon hier ist psychologisch sehr schwierig, weil vier Runden à 10,5 Kilometer gelaufen werden müssen“, sagt er, als wir das Mainufer hinauftraben. Die Strecke verlaufe komplett entlang des Flusses, sei sehr windanfällig, biete nur wenig Schatten und führe fast ausschließlich über Asphalt. Gehört hatte ich schon, dass die Laufstrecke berüchtigt ist für ihre zwei Brücken, an denen es spürbar bergauf geht und die ebenfalls viermal zu bewältigen sind. „Das wird aufgebauscht“, meint Lothar dagegen. Die erste Brücke, nach der es ein langes Stück bergab geht, sei sogar sehr gut dafür geeignet, auf der ersten Runde seinen Rhythmus zu finden. Wenn man als Erstling überhaupt weiß, welcher der richtige ist.

Mainabwärts sind kleine Schritte besser

Der Rhythmus, den Lothar heute vorgibt, liegt bei 4:35 Minuten pro Kilometer. Erstaunlich ist, dass der ehemalige Weltklasse-Athlet einen ziemlich trampeligen Laufstil hat. Jedenfalls klingt es so. Beim seitlichen Anblick seines Kopfes fällt mir jedoch auf, dass sich Lothars Nase beim Laufen keinen Millimeter auf und ab bewegt. Es ist, als schwebe er neben mir. „Merkst du, wie es bergab geht?“, fragt er. Ich bin mir nicht sicher und schaue wohl zu wenig zustimmend. „Du musst dir das einbilden“, trichtert Lothar mir ein. Auf der Seite am Sachsenhäuser Ufer habe man fast immer Rückenwind. Das sei die schnellere Seite, auf der ich große Schritte machen solle. Auf der anderen Seite, auf der das Ziel am Frankfurter Römer und zum Beispiel das Bankenviertel liegt, gehe es gegen den Wind leicht bergauf. Mainabwärts seien deshalb kleine Schritte besser. Auf den Brücken solle ich jeweils die Schrittfrequenz wechseln.

An normalen Tagen wie diesem bestimmen Schwärme von Gänsen und deren Hinterlassenschaften die Schrittfrequenz am Mainufer. Am Wettkampftag flüchteten sie aber vor den vielen Zuschauern aufs Wasser, beruhigt mich Lothar. Ohnehin seien nicht die äußeren Faktoren am schlimmsten, sondern die dritte Runde. „Die ist mental am anstrengendsten, weil man schon sehr erschöpft ist, aber das Ziel noch nicht vor Augen hat“, erklärt Lothar. So ganz stimmt das allerdings nicht. Auf jeder Runde laufen die Athleten vorbei am roten Teppich, der rechts abzweigt hinauf zum Ziel am Römer. Dass dort für viele schon die Party steigt, während ich noch mit Sonne, Wind, Asphalt und mir selbst kämpfen muss, das wird mich nicht erst in Runde drei fuchsen. Lothar beharrt trotzdem darauf: „Wenn es dir gelingt, dich vor allem für die dritte Runde zu motivieren, dann hast du den Schlüssel für den Marathon.“

Lothar Leder schwört auf Cola

Für das leibliche Wohl ist auf der Frankfurter Laufstrecke so gut gesorgt wie bei kaum einer anderen Langdistanz: Alle zwei Kilometer gibt es von Wasser und Energiegel bis zu Redbull alles. Lothar schwört auf Cola: „Und zwar den ganzen Marathon über und nicht erst auf den letzten zehn Kilometern.“

Als wir den Eisernen Steg passieren, berichtet Lothar vom dichten Menschenspalier, durch das die Athleten hier laufen müssen. „Wenn du darauf emotional reagierst, solltest du dich bremsen, um nicht zu überpacen“, warnt er und keucht dabei, als wäre er selbst am Ende. Erst dann realisiere ich, dass Lothar schon die ganze Zeit unentwegt keucht. Ich bin verwirrt. Bis er mir erklärt, dass er noch nie gut Luft durch die Nase bekommen hätte. Das habe seine Konkurrenten schon manches Mal getäuscht und ihm geholfen.

Am 6. Juli werde ich nur eine Konkurrentin haben: die Strecke. Die werde ich leider nicht täuschen können. Dafür muss sie in ihrer ganzen Länge und Breite meinen jämmerlichen Anblick ertragen.

- Arne Bensiek ist Autor des Tagesspiegel. Jeden Donnerstag erscheint seine Kolumne „Ich – Ironman“ auf www.tagesspiegel.de/ironman.

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