Kolumne Meine Champions : Bayern München: Tumult im Prinzenpark

Im Prinzenpark trifft der FC Bayern am Mittwoch auf Paris Saint Germain. Beim letzten Auftritt dort gewannen die Münchner 1975 den Titel. Bevor es krachte.

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Bayerns Rainer Zobel (l.) und Georg Schwarzenbeck kämpfen gegen Joe Jordan (Mitte) um den Ball.
Bayerns Rainer Zobel (l.) und Georg Schwarzenbeck kämpfen gegen Joe Jordan (Mitte) um den Ball.Foto: Imago

Zum Schluss wollen sie noch eine Ehrenrunde drehen. Natürlich mit dem Pokal, Sepp Maier reckt ihn triumphierend in die Höhe. Das gibt freundlichen Applaus vom Münchner Anhang, aber als es weitergeht in die Kurve hinterm Tor, wird es ungemütlich. Dosen und Flaschen und Sitzschalen fliegen auf den Rasen des Pariser Prinzenparks. Die Partygesellschaft zieht sich erschrocken zurück. Randale gehört in den Siebzigern noch nicht zum Alltag des Fußballs, jedenfalls nicht jenseits der britischen Inseln. Pech für die Bayern, dass sie es an diesem 28. Mai 1975 im Finale des Europapokals der Landesmeister mit Leeds United zu tun haben. Das gibt erst eine üble Treterei, später drehen die englischen Fans durch.

Ein knappes halbes Jahrhundert später tritt der FC Bayern am Mittwoch wieder im Prinzenpark an. Der Europapokal der Landesmeister heißt mittlerweile Champions League und ist für alle beteiligten Klubs eine Gelddruckmaschine. Die Bayern stehen für den alten Adel, der morgige Gegner Paris Saint-Germain für die neureiche Macht des arabischen Geldes. 1975 ist der Fußball noch kein großes Geschäft und das Finale für die Bayern von existenzieller Bedeutung. Ein Jahr zuvor haben sie gegen Atlético Madrid erstmals Europas wichtigsten Pokal gewonnen, aber seitdem läuft es nicht mehr. In der Bundesliga landen sie nach einer katastrophalen Saison auf Platz zehn. Weil im Europapokal der Landesmeister anders als heute in der Champions League nur die nationalen Meister plus der Titelverteidiger mitspielen dürfen, hält sie allein ein Sieg über Leeds auch in der kommenden Saison im internationalen Geschäft, auf das sie dringend zur Finanzierung ihrer Mannschaft angewiesen sind.

Leeds ist die bessere Mannschaft und schießt das erste Tor

Der englische Überraschungsmeister Leeds weiß, unter welchem Druck der Gegner steht. Kurz vor dem Finale sagt ihr schottischer Kapitän Billy Bremner: „Wir werden die Bayern niederwalzen.“ In diesem Stil gestalten die Briten die Startphase des Spiels. Nach gerade zwei Minuten springt Terry Yorath dem Münchner Björn Andersson mit beiden Sohlen voran in die Beine, was sich im Klischee leicht als englische Härte verkaufen ließe, wäre der Übeltäter nicht Waliser. Yorath verliert keine Zeit mit einer Entschuldigung und verfolgt eher desinteressiert, wie Bayerns Schwede mit Schien- und Wadenbeinbruch vom Platz getragen wird. Kurz vor der Pause erwischt es auch Uli Hoeneß nach einer Blutgrätsche von Frank Gray.

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In der britischen Retrospektive sind das Nebensächlichkeiten. Leeds wähnt sich bis heute als Opfer einer „European Cup Final Robbery“. Konkreter Anlass für den Vorwurf, die Bayern hätten im Verbund mit dem französischen Schiedsrichter Michel Kitabdjian den Pokal geraubt, sind zwei Szenen. Da ist zunächst das Solo, das Allan Clarke in den Münchner Strafraum führt. Zum Schuss kommt er kurz vor dem Tor nur deshalb nicht, weil Franz Beckenbauer ihm das Standbein weggrätscht. Das ist auch ohne Zeitlupe deutlich zu sehen, aber Kitabdjians Pfeife bleibt stumm.

Leeds ist die bessere Mannschaft und schießt Mitte der zweiten Halbzeit auch das erste Tor. Nach Peter Lorimers Gewaltschuss hebt Sepp Maier nicht mal die Hand zur Abwehr. Dafür hebt Franz Beckenbauer seine, zum Zeichen des Protests gegen eine Abseitsstellung. Tatsächlich steht Billy Bremner eine Schulter breit zu nah am Münchner Tor, aber er beeinträchtigt Maier kein bisschen. Kitabdjian hat schon auf Tor entschieden, aber nach ein paar Sekunden überlegt er es sich und annulliert den Treffer. Auf Anweisung von Beckenbauer, wie Bremner und Co. bis heute behaupten. Die Fernsehaufzeichnung widerlegt diese These. Deutlich ist zu sehen, wie der Schiedsrichter zu seinem Assistenten läuft, der an der Seitenlinie die Fahne gehoben hat. Die beiden reden kurz, dann revidiert Kitabdjian seine Entscheidung. Abseits, kein Tor.

Die Uefa schließt diverse englische Klubs vom Europapokal aus

Die erbosten Engländer können sich kaum beruhigen, ihre Konzentration lässt nach, was der FC Bayern zu zwei späten Kontertoren durch Franz Roth und Gerd Müller nutzen. Weil sie sich vom Schiedsrichter betrogen fühlen, wüten sie erst im Prinzenpark später auch in Paris und nächtens vor der Fähre, die sie von Calais nach Dover bringen soll. Bayerns Verteidiger Jupp Kapellmann erinnert sich später im Gespräch mit dem „Spiegel“, wie „wir mit dem Bus durch die Vorstädte fuhren. Ich werde nie vergessen, wie die englischen Hooligans dort gewütet hatten. Überall zertrümmerte Scheiben, wie eine Walze waren die da durch.“

Der europäische Fußballverband Uefa debattiert daraufhin darüber, ob er auf internationale Klubwettbewerbe nicht besser verzichten soll. Zehn Jahre später randalieren Fans vom FC Liverpool vor dem Finale gegen Juventus Turin im Heysel-Stadion von Brüssel. 39 Menschen werden getötet, davon die mehrzahl Italiener und 454 verletzt. Die Uefa schließt diverse englische Klubs vom Europapokal aus. Sie kehren erst fünf Jahre später zurück.

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