Kolumne: Meine Champions : Ein Leben mit dem Leibchen

Ludogorets Razgrad gehört in der Champions League zu den unbekannten Klubs. In die Gruppenphase gelangen die Bulgaren durch eine Heldentat eines Feldspielers im Tor. Gegen einen Klub, dessen größter Erfolg ebenfalls auf einen Keeper zurückzuführen ist.

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Kurz nach dem Europapokalsieg musste sich Helmuth Duckadam (re.) einer Operation unterziehen. Der Torhüter kehrte nie wieder ins Tor von Steaua zurück. Foto: Imago
Kurz nach dem Europapokalsieg musste sich Helmuth Duckadam (re.) einer Operation unterziehen. Der Torhüter kehrte nie wieder ins...Foto: Imago

Der große Fußball hat zuletzt eher selten in Bulgarien vorbeigeschaut. Stoitschkow, Balakow, Kostadinow – Helden der Vergangenheit, und der einzige der Neuzeit, Dimitar Berbatow, biegt mit seinen 33 Jahren auch schon auf die Zielgerade ein. Aber da ist ja noch Cosmin Moti, ein Verteidiger, den zuvor kaum jemand wahrgenommen hat, bis er vor ein paar Wochen ein schwarzes Leibchen überstreifte und den großen Fußball einlud. In der Gestalt von Real Madrid.

Der Champions-League-Sieger gastiert am Mittwoch beim PFC Ludogorets Razgrad. In Madrid waren sie nach der Auslosung ein bisschen verwirrt und haben die Ortschaft Razgrad auf der Landkarte gesucht, aber das war dann gar nicht nötig. Ludogorets Razgrad, der größtmögliche Außenseiter dieser Spielzeit in der Champions League, darf den großen Fußball nämlich nicht zu Hause empfangen. In Razgrad, einem Städtchen in Nordostbulgarien mit knapp 40 000 Einwohnern und, hier liegt das Problem, einem gerade 6000 Zuschauer fassenden Stadion. Zu klein für den großen Fußball, der stattdessen 250 Kilometer weiter westlich in Sofia vorstellig werden muss.

Also streifte sich Cosmin Moti Handschuhe und schwarzes Leibchen über

Ruhm und Ehre des PFC Ludogorets aber werden auf ewig mit dem größeren Dorfspielplatz von Razgrad verbunden sein. Und mit Cosmin Moti. Beim Rückspiel der Qualifikation gegen Steaua Bukarest war seine Mannschaft eigentlich schon so gut wie ausgeschieden. Torwart Wladislaw Stojanow flog in der Verlängerung eine Minute vor Schluss vom Platz, und weil Ludogorets schon dreimal ausgewechselt hatte, musste zum fälligen Elfmeterschießen ein Feldspieler ins Tor. Also streifte sich Cosmin Moti Handschuhe und schwarzes Leibchen über. Und es begann eine dieser verrückten Geschichten, wie es sie im Kommerzfußball des dritten Jahrtausends nur noch ganz selten gibt. Der Aushilfstorwart verwandelte den ersten Elfmeter selbst, dann hielt er zwei gegnerische und auf einmal durften sich Cosmin Moti und seine Kollegen als Gastgeber von FC Basel, FC Liverpool und eben Real Madrid versuchen.

Es passt zu dieser Geschichte ganz gut, dass auf der gegnerischen Seite Steaua Bukarest die Rolle des Gedemütigten spielte. Die Rumänen waren einmal eine große Nummer, als der große Fußball noch ein wenig unberechenbarer daherkam, aber das ist jetzt auch schon bald 30 Jahre her. Steaua war 1986 der erste osteuropäische Sieger des Europapokals der Landesmeister, wie die Champions League damals hieß. Und ihr großer Held war ein Torhüter, allerdings ein gelernter. Der Mann trug den schönen Namen Helmuth Duckadam, aber daheim nennen sie ihn bevorzugt den „Held von Sevilla“. Steaua Bukarest wurde von der internationalen Expertenschaft die Teilhabe am Finale eigentlich nur zugestanden, weil der FC Barcelona ja schlecht allein spielen konnte. Erfolgsaussichten? Unter null.

Helmuth Duckadam parierte in aller Seelenruhe die Schüsse der vier Señores

Aber es lief dann vor 70 000 Zuschauern im Estadio Ramon Sanchez Pizjuán von Sevilla nicht so recht bei den blau-roten Koryphäen. Bernd Schuster irrte orientierungslos über den Platz und wurde kurz vor Schluss ausgewechselt. Als auch in der Verlängerung kein Tor fiel, kam es zum Elfmeterschießen und damit zum großen Augenblick des Helmuth Duckadam. Der Mann parierte in aller Seelenruhe die Schüsse der Señores José Ramon Alexanko, Angel Pedraza, Pichi Alonso und Marcos Alonso Peña. Weil zwischendurch seine Kollegen Marius Lacatus und Gavril Balint trafen, konnten sich die Barcelonesen den fünften Schuss schenken (was durchaus in ihrem Sinne gewesen sein dürfte, weil es ihnen die Blamage eines fünften Fehlschusses ersparte).

Helmuth Duckadam war damals gerade 27 Jahre alt, also ein junger Hüpfer in der bekannt langlebigen Spezies Torhüter. Es gehört zu seiner persönlichen Tragik, dass Sevilla sein erster und letzter großer Triumph war.

Seit vier Jahren nun steht Helmuth Duckadam Steaua als Präsident vor Foto: Imago
Seit vier Jahren nun steht Helmuth Duckadam Steaua als Präsident vorFoto: Imago

Nur wenige Wochen später erzwang eine Gefäßerkrankung am rechten Arm eine Operation. Die Heilung verschleppte sich, Duckadam verlor seinen Stammplatz und kehrte nie wieder ins Tor von Steaua zurück. Er arbeitete als Grenzbeamter, machte eine Fußballschule auf und versuchte sich als Politiker. Seit vier Jahren steht er Steaua als Präsident vor, als Symbol für die Hoffnung, dass der große Fußball doch mal wieder vorbeischauen möge. Der aber gastiert am Mittwoch beim südlichen Nachbarn Bulgarien, weil ein Torhüter, den vorher keiner kannte, in einem Elfmeterschießen das Spiel seines Lebens machte.

Dürfte Helmuth Duckadam bekannt vorkommen.

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