Kolumne Meine CHAMPIONS : Russland - wo die B-Prominenz strandet

André Villas-Boas wird Trainer bei Dortmunds Achtelfinalgegner Zenit St. Petersburg. Der Portugiese ist nicht der erste B-Prominente im oligarchengesteuerten russischen Fußball, der trotz Öl- und Gasmillionen weiter auf den Aufstieg in höchste europäische Sphären wartet.

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Wo geht's nach Russland? André Villas-Boas wir neuer Trainer bei Zenit St. Petersburg.
Wo geht's nach Russland? André Villas-Boas wir neuer Trainer bei Zenit St. Petersburg.Foto: Imago

Es gab einmal eine Zeit, da hat der Strand sich in Russland verliebt. Ein bisschen jedenfalls, denn der Strand verschenkt sein Herz nicht so leicht. Im Sommer 2004 aber wechselte der Fußballspieler Vágner Silva de Souza vom brasilianischen Traditionsklub SC Palmeiras ins ferne Moskau, und er spielte dort so gut und erfolgreich, dass der Strand sich dachte: Versuchen wir es mal mit ihm!

Der Stürmer Vágner Silva de Souza ist in Brasilien bekannt unter dem Namen Vágner Love, und er war der erste aus dem Land des Jogo bonito, der es in Russland zum Nationalspieler brachte. Gleich im ersten Jahr mit ZSKA Moskau gewann er den Uefa-Pokal und schoss beim 3:1 im Finale gegen Sporting Lissabon das finale Tor. Daraufhin berief ihn Carlos Dunga in die Seleçao brasileira und gemeinsam gewannen sie 2007 die Copa America.

Seit Vágner Loves Gastspiel in Moskau betrachtet Brasilien und damit auch die Welt ein wenig genauer, was da so passiert im geheimnisvollen Russland. Seit knapp zwei Jahren verdingt sich wieder ein brasilianischer Nationalspieler in Russland, er heißt Givanildo Vieira de Souza und hört auf den Künstlernamen Hulk. Im vergangenen Sommer hat er mit Brasilien den Confed-Cup gewonnen und sich gleich im ersten Jahr bei Zenit St. Petersburg für die Champions League qualifiziert. Hier aber gerät die russisch-brasilianische Erfolgsgeschichte langsam an ihr Ende. Am Mittwoch tritt Hulk mit Zenit zum Achtelfinal-Rückspiel bei Borussia Dortmund an, und nach der 2:4-Niederlage daheim im Petrowski-Stadion mag auch der größte Fan kaum noch an ein Weiterkommen glauben, und der größte Fan heißt immerhin Wladimir Putin.

Seit Vágner Loves Zeiten wird den oligarchengesteuerten Klubs der einstigen Sowjetunion ein Aufstieg in höchste europäische Sphären vorausgesagt. Das Versprechen wartet noch auf seine Einlösung. Das unendlich aus Gas- und Öl- und sonstigen Quellen sprudelnde Geld kann nicht so leicht wettmachen, was der Prominenz des Weltfußballs erst den richtigen Kick gibt. Was die aktuelle Entwicklung betrifft, ist russisches Geld in den Zeiten von Krimkrise und Schwulenhetze und so ein wenig im Wert gesunken. Und vorher haben Zenit St. Petersburg oder die führenden Moskauer Klubs Dynamo, Lokomotive und Spartak für ihre gewaltigen Investitionen auch nur selten einen angemessenen Gegenwert erhalten. Bei allem Respekt: Profis wie Lassana Diarra (Lokomotive), Kevin Kuranyi (Dynamo), Lucas Barrios (Spartak) oder Axel Witsel (Zenit) taugen nur zur internationalen B-Prominenz. Auch Hulk spielt in der Seleçao nur eine untergeordnete Rolle, und für den hat Zenit immerhin 50 Millionen Euro an den FC Porto überwiesen.

Dazu leidet die Premjer Liga unter einem geografisch bedingten Wettbewerbsnachteil. Der russische Winter lässt von Anfang Dezember an drei Monate lang keinen Spielbetrieb zu. Das verträgt sich nicht gut mit den Play-offs in der Champions League, der internationale Kalender terminiert ihre erste Runde für Mitte Februar. Ohne Wettkampfpraxis ist auf höchstem Niveau nichts zu holen, diese Erfahrung hat Borussia Dortmund aufs Angenehmste vor drei Wochen beim Hinspiel gemacht. Darauf hat Zenit sich von seinem Trainer Luciano Spalletti getrennt. Als Nachfolger wurde der Portugiese André Villas-Boas verpflichtet, der für zwei Spielzeiten unterschrieb, gegen Dortmund aber noch nicht auf der Bank sitzen wird. Der 36-Jährige verweist in seinen Referenzen auf einen Europa-League-Sieg mit dem FC Porto und zwei Engagements in England. Beim FC Chelsea hielt er ein halbes Jahr durch und bei Tottenham Hotspur immerhin 15 Monate.

Vágner Love stürmt seit einem Jahr für Shandong Luneng in China. Der Strand hat es zur Kenntnis genommen.

Sven Goldmann schreibt immer dienstags in den Spielwochen der Champions League über Kicker, Klubs und Klassiker in Europas Fußball.

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