Kolumne: So läuft es : Der Depression davonlaufen

Laufen kann eine Hilfe sein. Ganz besonders für Menschen mit Depressionen. Unser Kolumnist berichtet von zwei Schicksalen, die ihn berührt haben.

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Für viele Menschen hat Laufen eine heilende Wirkung.
Für viele Menschen hat Laufen eine heilende Wirkung.Foto: REUTERS/Andy Clark

An dieser Stelle zunächst einmal ein herzliches Dankeschön. All denen, die sich am Donnerstag nach der Kolumne bei mir gemeldet haben. Sich offenbart haben, nach der Kolumne den Mut hatten, mir ihre Geschichten zu erzählen. All das hat in jedem Fall dazu geführt, dass das Thema eine breitere Öffentlichkeit erreicht hat. Dass sich betroffene Menschen abgeholt und angesprochen fühlten. Was mich seit letzter Woche nicht loslässt, sind zwei Dinge: Einmal sicher der positive Aspekt, dass eines wohl völlig unstrittig ist: Laufen hilft. Auch und gerade bei Depressionen. Auf der anderen Seite sind es die erschütternden Geschichten hinter den Fassaden der Läuferinnen und Läufern, die zum Beispiel an Depressionen erkrankt sind. Ich hatte versprochen, weitere Menschen zu Wort kommen zu lassen. Zwei Schicksale sind mir besonders aufgefallen, die sehr unter die Haut gehen. Die aber auch zeigen: Es gibt Hilfe. Das Laufen kann eine Hilfe sein. Und es lohnt sich ganz besonders für Menschen mit Depressionen, einfach loszulaufen.

Bei Katrin wurde der negative Grundstein bereits in der Kindheit gelegt. Sie schreibt mir: „Meine Mutter war nie wirklich für mich da. Wenn sie da war, merkte ich das meist durch Schläge und ihre Alkoholfahne. Aber wenigstens diese Gewalt war Aufmerksamkeit, die ich sonst nie bekam. Ich war immer eine tolle Schülerin – ich schrieb nur Einsen und Zweien – auch da ging es nur um Aufmerksamkeit. Wenn ich geschlagen wurde, und das war sehr oft, hatte ich als Kind schon sehr starke Kopfschmerzen und man konnte sich den Ursprung nicht erklären. Ich musste mir von Ärzten sogar anhören, ich sei Hypochonder. Für meine Ma war das Thema damit erledigt und ab da sagte sie bei jedem Kopfweh, ich solle mich nicht anstellen. Da war nichts mit: ’Komm mal her – ich nehme dich in den Arm’. Ich kann mich aber noch sehr gut erinnern, dass ich mal versuchte, mir das Leben zu nehmen. Ich wollte mich erhängen. Da war ich neun. Ich habe um den Fenstergriff in meinem Zimmer den Gürtel des Bademantels gebunden und legte mir die Schlinge um den Hals. Zum Glück konnte ich da den Abstand vom Hocker zum Boden nicht einschätzen – ich war einfach schon zu groß.“

Die Depression brach deutlicher mit der Geburt von Katrins Tochter aus. Die Ärzte verschrieben ihr eine Pille gegen die Depression, deren Nebenwirkungen dienten nur noch als Verstärker. Sie begann eine Gesprächstherapie. „Dort sagte ich, dass ich als knapp vierjähriges Mädchen von zwei Männern sexuell misshandelt wurde. Das brach mich. Aber in der Therapie konnte ich das verarbeiten. Während der Therapie nahm ich keine Medikamente, sondern fuhr vermehrt Rad und nutzte die üblichen Gassi-Runden mit dem Hund. Anfang 2014 schlief ich wochenlang sehr schlecht. Mir setzte zu, dass ich zwar drei Jobs hatte, aber nicht genug zum Leben – so wie ich es mir wünschte. Ich war total überfordert und trank vermehrt Alkohol – erst, wenn die Mädels im Bett waren. Ich wollte ihnen nicht so in Erinnerung bleiben wie meine Mutter bei mir – mit Alkoholfahne.“

Der Schlafentzug in Kombination mit Alkohol führte bei Katrin zu massiven Sprachproblemen und Wortfindungsstörungen. Katrin konnte dem Teufelskreis aus eigener Kraft entfliehen. Immer wenn sie von den Depressionen eingeholt wurde, bewegte sie sich. So ist es geblieben. Sie läuft, macht Kraftsport, damit die seelische Ermüdung keinen Platz einnehmen kann. So kann sie überleben.

Wer läuft, wird auf seine Art und Weise das Gefühl von Freiheit spüren

Lina ist eine passionierte Läuferin. Schon länger kreuzt sie immer mal wieder meinen Weg in der ein oder anderen Läufercommunity. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass auch sie eine Betroffene ist. Die Fotos, die sie auf Facebook teilte, waren stets heiter. Und voller Kraft. Auch sie offenbarte sich. „Wie lange genau ich depressiv bin, weiß ich gar nicht, denn ich war schon als Kind essgestört und habe mir erst 117 Kilo angefressen, danach mein Gewicht erfolgreich auf 48 Kilo reduziert. Meine Essstörung wurde allerdings nie therapiert, ich habe sie geheim gehalten und weiß aber, dass eine Depression zugrunde liegt. Letztes Jahr war es so, dass ich abends in der Badewanne lag, mein Freund hereinkam und mich fragte, ob alles gut sei. Er hielt seine Hand in die Wanne und fragte mich entsetzt, warum ich in kaltem Wasser saß, aber ehrlicherweise habe ich das gar nicht wahrgenommen. Über Umwege – in Form einer gescheiterten Therapie und dem Klinikaufenthalt – kam ich aufs Laufen.“

Wie Lina heute mit ihrer Depression umgeht, wie differenziert und klar sie sieht, das macht Mut. Denn Lina hat einen Weg für sich gefunden, den Alltag gut zu meistern. Das Laufen nimmt dabei eine zentrale Rolle rein. Und so wirkt ihre Beschreibung beinahe wie ein Rezept: „Sport allein macht mich nicht gesund. Ich muss weiterhin an mir arbeiten, um wirklich in mir ruhen zu können. Doch hilft mir die Kombination aus einer nährstoffreichen Ernährung und Bewegung. Niemand wird mir je dafür eine Medaille verleihen, aber ich weiß mit wie viel Aufwand es verbunden ist, sich wohlzufühlen. Seit ich laufe, bin ich bei mir, und es fällt mir leichter, Entscheidungen zu meinem Wohlergehen zu treffen. Wenn diese schwere Decke der Depression einmal über dir lag und du dich aufraffst, das Haus verlässt, dann bekommst du ein Stück weit das Gefühl, die Kontrolle zurückzuerobern und frei zu sein“, schreibt Lina. Und sie spricht das aus, worauf es beim Laufen am Ende wirklich ankommt: Wer läuft, wird auf seine Art und Weise das Gefühl von Freiheit spüren. Und genau dieses Gefühl ist gerade für die wichtig, deren Seele nicht gesund ist. Es sind die kleinen Momente, die helfen können. Die sich gut anfühlen. Und man vielleicht merkt „wie wertvoll es ist, die Sonne auf der Haut zu spüren oder das Salz zu schmecken“, wie Lina sagen würde. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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