Kolumne: So läuft es : Für die, die nicht laufen können

Der Schwede Aron Anderson sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl – und gewinnt den "Wings For Life World Run" in Dubai, bei dem Geld für die Rückenmarksforschung gesammelt wird.

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Zwei Athleten bei den Paralympics 2016 in Rio. Foto: Jens Büttner/dpa
Zwei Athleten bei den Paralympics 2016 in Rio.Foto: Jens Büttner/dpa

Während ich hier sitze und diese Kolumne schreibe, kommen mir wieder und wieder die Bilder von Aron Anderson in den Kopf. Von Beginn an führte er beim "Wings For Life World Run" am Sonntag. Wie gebannt schaute ich dauernd auf die Bilder aus Dubai, die auf meinem Monitor auftauchten. Als Fernsehexperte habe ich viele Gänsehautmomente beim World Run erlebt. Die Geschichte dieses 29-jährigen jungen Mannes aus Schweden geht tief unter die Läuferhaut. In einem Zuspielfilm erzählt er selbst: „Ich war sieben Jahre alt. Ich sagte: Daddy, mir tut etwas am Rücken weh. Sehr weh. Mein Vater brachte mich zum Arzt. Entdeckt wurde ein großer Tumor. Tragisch genug, dass ich bereits in diesem Alter an Krebs erkrankte. Seit der Operation sitze ich zudem im Rollstuhl und denke: Wie cool wäre es, wenn ich eines Morgens aufwachen könnte, in meine Laufschuhe steigen würde, und loslaufen könnte.“

Die Mechanik des Wings For Life Worldruns ist recht schnell erzählt. Unter dem Motto „Laufen für die, die nicht laufen können“, starten zeitgleich überall auf der Welt in über 20 Städten 155.000 Läuferinnen und Läufer. 30 Minuten nach dem Start fährt das sogenannte Catcher Car los, das im Laufe der Zeit immer schneller wird. Wen es einholt, ist ausgeschieden. Wunderbar ist: Jeder verliert am Ende gegen den Wagen. Und zwar für den guten Zweck. Dieses Jahr kamen so 6,8 Millionen Euro zusammen. Das Geld geht komplett in die Rückenmarksforschung. Das Ziel: Querschnittslähmung zu heilen. Für Aron Anderson der größte Traum.

Um für gleiche Verhältnisse zu sorgen, dürfen Rollstuhlfahrer natürlich beim World Run mitfahren. Sie müssen jedoch in einem handelsüblichen Rollstuhl teilnehmen, ein Sportmodell ist verboten. Aron Anderson bezeichnet sich selbst als Abenteurer. Er ist Extremsportler und motiviert seit seiner Operation andere Menschen. Für ihn geht es nicht nur darum, das Ziel zu erreichen, sondern auch den Weg dorthin zu genießen. Und so lässt er am Sonntag alle Läufer hinter sich. Auch den Vorjahressieger Giorgio Calcaterra. Bei 40 Grad und unbarmherzig brennender Sonne rollte er 92,14 Kilometer durch die Wüste von Dubai und gewann als Rollstuhlfahrer den Wings For Life World Run. Er rollte für sich selbst, er rollte für alle die, die nicht laufen können so wie er.

Im Ziel dann diese rührende Freude. Nicht darüber, dass er das Rennen gewonnen hatte. Sondern weil er all denen Hoffnung gab, die ein ähnliches Schicksal teilen wie er. Österreichs Skispringer-Legende Andreas Goldberger, der 44 Kilometer schaffte, stand fassungslos neben mir und brachte es auf den Punkt: „Die Füße tun einem sauweh, wenn man so weit läuft, aber es ist geil, dass wir den Schmerz überhaupt fühlen können. Viele können es nämlich nicht. Also, laufen wir weiter für die, die nicht laufen können.“ Wie Recht er hat. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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