Kolumne: So läuft es : Laufen ist gelebte Einheit

Egal ob Juden, Schwule, Schwarze oder Weiße, wir stehen alle am Start. Und haben alle ein Ziel.

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Der Sieg kennt keine Farbe. Der Äthiopier Kenenisa Bekele gewann im September den Berlin-Marathon.
Der Sieg kennt keine Farbe. Der Äthiopier Kenenisa Bekele gewann im September den Berlin-Marathon.Foto: dpa/Gamberini

Für einen Läufer ist das, was am Tag der Deutschen Einheit in Dresden geschah, schier unerträglich. Der Mob nahm sich am Ende – völlig ungehindert und ungestört – das Recht, sehr deutlich zu definieren, wer Mensch ist. Und wer eben nicht. Als diese Leute während der Einheitsfeier einen Schwarzen sahen, gaben sie Affenlaute von sich. Und machten dazu Affenbewegungen. Das war jedoch nur die Spitze des Hasses und der Fremdenfeindlichkeit.

Ad hoc schoss es mir durch den Kopf: Die Schreihälse von Dresden würde ich gerne einfach mal mitnehmen. Auf einen schönen Marathon. Während der 42 Kilometer können sie von anderen Läufern lernen. Wie es ist, den eigenen Körper wieder zu spüren. Und wie es sich anfühlt, von Menschen aus allen Ländern als Freund behandelt zu werden. Und sie lernen Demut, Respekt und Solidarität. Wenn ihnen vorher nicht die Oberschenkel wegbrennen.

Machen wir uns nichts vor: Läufer sind nicht die besseren Menschen, nur weil sie laufen. Auch unter uns wird es Schreihälse geben, die schlimme Lieder singen. Aber es sind verdammt wenige. Jeder Marathon ist geprägt von Kulturen aller Art. Und sie sind herzlich willkommen.

Seit Jahren dominieren Schwarze die großen Marathons. Was manchmal echt nervt. Weil sie so fürchterlich schnell sind. Und alle fragen sich: Wie geht das? Egal ob Juden, Schwule, Schwarze oder Weiße, wir stehen alle am Start. Und haben alle ein Ziel. Und leiden alle denselben Schmerz. Und oft genug müssen wir uns gegenseitig helfen, wenn es unterwegs mal nicht weitergeht.

Jede größere Laufveranstaltung ist ein Tag der Einheit

Jeder läuft natürlich für sich selbst, aber am Ende ist es doch eine Einheit, eine gelebte Einheit. Und das ist vielleicht der Unterschied. Der Läufer braucht keinen extra deklarierten Tag dafür. Und schon gar nicht beschränkt sich das auf einen einzigen Tag im Jahr. Jede größere Laufveranstaltung ist ein Tag der Einheit. Und es gibt ein Geheimnis, das nur Läufer kennen. Das Geheimnis, warum in unserem Sport Einheit funktioniert. Weil uns dieser Sport fühlen lässt. Wir fühlen und spüren den eigenen Körper. Wir spüren unsere Seele und hören auf sie. Wir öffnen uns und schauen in uns hinein. Wir nehmen uns anderer an, die während eines Wettkampfs Unterstützung benötigen.

Und das sind die wahren Dinge, die es für die Einheit braucht. Wenige haben all das so treffend auf den Punkt gebracht wie Richard von Weizsäcker: „Erst wenn wir uns einander ganz und ernsthaft öffnen und annehmen, nähern wir uns dem tieferen Sinn von Einheit.“ So läuft es.

- Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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